21.12.2015 - Agro-Biodiversität in Europa zu messen kostet weniger als gedacht!


Wie können wir die Biodiversität auf europäischen Landwirtschaftsbetrieben so messen, dass die Ergebnisse für die Landwirte aussagekräftig, wissenschaftlich glaubwürdig und erschwinglich sind? Zwei neue Studien zeigen auf, wie das möglich ist - sie wurden kürzlich in den renommierten Zeitschriften Journal of Applied Ecology undJournal of Environmental Management veröffentlicht. Die Wissenschafter stellen die Erwartungen der Nutzer dieser Ergebnisse deren ökologischer Aussagekraft gegenüber. Sie komme>n zum Schluss, dass ein europäisches Agro-Biodiversitätsmonitoring machbar ist und nur einen bescheidenen Anteil der Fördergelder der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in Anspruch nehmen würde.

 

WissenschafterInnen der europäischen Forschungsprojekte “Indikatoren für Biodiversität in biologischen und extensiven Landwirtschaftssystemen (BIOBIO)“, unter Mitwirkung der BOKU-ForscherInnen Michaela Arndorfer und Jürgen K. Friedel, und „Aufbau eines Europäischen Biodiversitätsobservatoriums (EU BON)“ berechneten Kostenschätzungen für neun Umsetzungsvarianten eines Agro-Biodiversitätsmonitorings. Zunächst wurden VertreterInnen von Interessengruppen (Landwirtschaftsverbände, Naturschutz, Verwaltung, KonsumentInnen) gefragt, von welchen Biodiversitätsindikatoren sie den höchsten Mehrwert für ihre Zwecke erwarten (im Sinn von „value for money“). Sie priorisierten Informationen über Lebensräume, Pflanzenarten und die landwirtschaftliche Bewirtschaftungspraxis. Gleich an zweiter Stellen standen Indikatoren über Wildbienen, Regenwürmer und Spinnen als Artengruppen, die wichtige Ökosystemdienstleistungen erbringen. Zusammen stellen sie ein minimales Set an Biodiversitätsindikatoren dar, die sich in ihrem Informationsgehalt ergänzen und die grösseren Veränderungen in der Agro-Biodiversität sichtbar machen können.  

Die Kostenschätzungen ergaben, dass ein kontinentales Monitoring nur einen bescheidenen Anteil des Budgets der Gemeinsamen Agrarpolitik (2014-2020) beanspruchen würde. Die Monitoringvarianten würden 0,01 bis 0,74 % des gesamten Budgets der GAP in Anspruch nehmen bzw. 0,04 bis 2,48 % desjenigen Anteils des GAP-Budgets, der ausdrücklich für die Erreichung von Umweltzielen eingesetzt wird. Dieser Anteil macht 30 % der GAP-Ausgaben aus (mehr als 120 Milliarden Euro), und eine Investition in die Überprüfung der Wirkung dieser Ausgaben erscheint sinnvoll. Die Wissenschafter legen den Grundstein für ein Agro-Biodiversitätsmonitoring für die einzelnen Mitgliedsländer, die zu einem kohärenten europäischen Gesamtbild zusammengefügt werden können.

Ergänzende Aussagen beteiligter Wissenschafter
“Trotz des wissenschaftlichen Nachweises, dass Monitoring die (Kosten-)Effizienz von agrarpolitischen Maßnahmen erhöht, wird Monitoring selten in das Budget agrarpolitischer Programme aufgenommen.  Wir haben festgestellt, dass die Kosten nicht so hoch sind wie befürchtet. Um die Umsetzung zu erleichtern, bietet die Studie Hilfestellungen, ein europäisches Monitoringprogramm aufzubauen, indem sie eine Auswahl von Indikatoren anbietet und Regionen als Einheiten von Trendanalysen nutzt.” erklärt Dr. Ilse Geijzendorffer, Erstautorin des Artikels im Journal of Applied Ecology.

 

“Agrarökologische Förderprogramme wie das ÖPUL oder das Ökopunkte-Programm zielen u.a. auf die Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen. Es ist aber schwierig, die Effektivität der verschiedenen Maßnahmen zu beurteilen.” ergänzt Dr. Jürgen K Friedel, Koordinator der österreichischen Fallstudie. “Die Monitoring-Werkzeuge, die wir auf 200 Landwirtschaftsbetrieben in 12 europäischen Fallstudienregionen getestet haben, funktionieren und sind leistbar. Und sie erfüllen die Erwartungen verschiedener Interessengruppen. Die Politik ist gefordert, sie zu nutzen.”

 

Originalquellen: 
Geijzendorffer, I.R., Targetti, S., Schneider, M.K., Brus, D.J., Jeanneret, P., Jongman, R.H.G., Knotters, M., Viaggi, D., Angelova, S., Arndorfer, M., Bailey, D., Balázs, K., Báldi, A., Bogers, M.M.B., Bunce, R.G.H., Choisis, J.-P., Dennis, P., Eiter, S., Fjellstad, W., Friedel, J.K., Gomiero, T., Griffioen, A., Kainz, M., Kovács-Hostyánszki, A., Lüscher, G., Moreno, G.,  Nascimbene, J., Paoletti, M.G., Pointereau, P., Sarthou, J.-P., Siebrecht, N., Staritsky, I., Stoyanova, S., Wolfrum, S. & Herzog, F. (accepted) How much would it cost to monitor farmland biodiversity in Europe? Journal of Applied Ecology. Doi : 10.1111/1365-2664.12552, onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2664.12552/full

Targetti, S., Herzog, F., Geijzendorffer, I.R., Pointereau, P. & Viaggi, D. (2015) Relating costs to the user value of farmland biodiversity measurements. Journal of Environmental Management. Doi : 10.1016/j.jenvman.2015.08.044, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301479715302486

 

Kontakt: 
Dr. Jürgen K. Friedel, BOKU Wien, Österreich, juergen.friedel(at)boku.ac.at
Dr. Ilse Geijzendorffer, IMBE/CNRS, France, ilse.geijzendorffer(at)imbe.fr
Dr. Stefano Targetti, University of Bologna, Italy, targettis(at)gmail.com
Dr. Felix Herzog, Agroscope, Switzerland, felix.herzog@agroscope.admin.ch