05.11.2014 - Klimawandel halbiert die Zahl der Insekten in Österreich


Klimamodelle zeigen bis zum Ende dieses Jahrhunderts eine Zunahme von Starkregenereignissen und Trockenperioden. Ein Experiment aus Österreich zeigt, dass diese Verschiebung der Niederschlagsmuster zu einer dramatischen Reduktion an Insekten und Spinnen in Weizenfeldern führen kann. Viele dieser Tiere sind eine wertvolle Futterquelle für Vögel und dafür verantwortlich, dass die landwirtschaftlichen Kulturen gesund bleiben. Die Arbeiten wurden vom Österreichischen Klima- und Energiefonds gefördert und kürzlich von einem Wissenschaftskonsortium der Universität für Bodenkultur Wien, des Bundesamts für Wasserwirtschaft und der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in „Frontiers in Environmental Science“ veröffentlicht.

Der vergangene Sommer
Die zum Teil starke Belastung mit Stechmücken in diesem Jahr mag vielleicht ein wenig darüber hinwegtäuschen, aber die Menge und Vielfalt an Insekten und Spinnen in unserer Kulturlandschaft ist in den letzten Jahrzehnten weltweit zurückgegangen. Oftmals werden die intensive Landwirtschaft und der starke Pestizideinsatz allein dafür verantwortlich gemacht. Eine neue Studie aus Österreich zeigt nun, dass zusätzlich auch Klimaeinflüsse eine große Wirkung auf die Reduktion der Gliedertiere in unserer Landschaft haben.

Einfluss des Regens simuliert
In der sogenannten "Lysimeteranlage" auf dem Gelände der AGES in Wien-Donaustadt können die Forscher den Einfluss unterschiedlicher Regenmuster auf Ackerkulturen auf verschiedenen Bodentypen simulieren. „Diese Versuchsanlage ist einzigartig. Obwohl unser Kulturland aus einem Mosaik an verschiedenen Bodentypen besteht, wird in vielen Klimastudien nur ein Bodentyp untersucht. Aber hier können wir Klimaeinflüsse gleichzeitig an drei verschiedenen Bodentypen untersuchen “, führt Andreas Baumgarten, AGES Projektleiter und Präsident der Österreichischen Bodenkundlichen Gesellschaft aus. Die untersuchten Böden zählen zu den fruchtbarsten in Österreich und repräsentieren 80% der Böden im Marchfeld, der „Kornkammer“ Österreichs.

Es betrifft die schiere Menge, weniger die Vielfalt
Um nun die Auswirkungen zukünftiger Regenmuster auf oberirdische Insekten und Spinnen zu untersuchen, haben die Forscher mit einem umgebauten Laubsauger alle Tiere auf den Versuchsflächen abgesaugt. Danach folgte eine sehr langwierige, mehrmonatige Sortierarbeit - immerhin mussten pro Quadratmeter bis über 1000 Individuen kategorisiert und taxonomisch bestimmt werden. Das Ergebnis: über alle Insekten- und Spinnengruppen hinweg wurden unter zukünftigen Klimabedingungen 55% weniger Individuen bei unveränderter Artenvielfalt festgestellt, als unter jetzigen Bedingungen. Johann Zaller, Studienleiter von der Universität für Bodenkultur Wien, zeigt sich aufgrund der Ergebnisse überrascht: "Diese deutliche Reduktion war nicht zu erwarten, wir haben die simulierte Niederschlagsmenge pro Ereignis nur um 15% und die Trockentage um 25% erhöht." Die Daten bestätigen aber die Empfindung vieler NaturbeobachterInnen, wonach die Zahl an Insekten in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat.

Konsequenzen für Agrar-Ökosysteme
„Viele Leute werden diese Resultate insgeheim vielleicht mit Freude aufnehmen, weil Insekten und Spinnen in der Öffentlichkeit kein gutes Image haben. Es wird
aber nur ein Bruchteil dieser Gliederfüßer als Lästling oder Schädling auffällig; insgesamt erbringen Insekten und Spinnen unersetzbare Leistungen in Ökosystemen. Auch für Kulturpflanzen ist diese Gruppe unverzichtbar, sie bereiten wichtige Nährstoffe auf, bestäuben Blüten und schützen die Pflanzen vor Krankheiten. Zusätzlich sind Insekten und Spinnen die wichtigste Nahrungsquelle für viele Feldvögel“, erklärt Zaller weiter. Zusammenfassend zeigen diese Ergebnisse die Vielschichtigkeit und Komplexität der Wirkung des Klimawandels auf die Landwirtschaft. Als Reaktion auf den Klimawandel sollen neben entsprechenden pflanzenbaulichen Maßnahmen auch ökologische Zusammenhänge beachtet werden.

Quelle:
Zaller, J. G., Simmer, L., Santer, N., Tabi Tataw, J., Formayer, H., Murer, E., Hösch, J., Baumgarten, A. (2014) Future rainfall variations reduce abundances of aboveground arthropods in model agroecosystems with different soil types, Frontiers in Environmental Science, Frontiers in Environmental Science 2:44, DOI: 10.3389/fenvs.2014.00044, 2014.

Der Artikel zum freien Download: journal.frontiersin.org/Journal/10.3389/fenvs.2014.00044/abstract

Kontakt / Rückfragen:
Johann G. Zaller
Institut für Zoologie
Universität für Bodenkultur Wien
Gregor Mendel Straße 33
1180 Wien
email: johann.zaller(at)boku.ac.at
Telefonnummer: +43 1 476543205