21.08.2008


Boden, Grundlage allen Lebens: Internationaler Kongress EUROSOIL 2008

vom 25.-29. August 2008 an der Technischen Universität Wien

Der zum dritten Mal stattfindende EUROSOIL 2008-Kongress behandelt das Thema "Boden – Gesellschaft – Umwelt" und wird nach 2000 in Reading, UK und 2004 in Freiburg/Breisgau, Deutschland nunmehr in Wien, von der Europäischen Konföderation Bodenkundlicher Gesellschaften (ECSSS) in enger Zusammenarbeit mit der Österreichischen Bodenkundlichen Gesellschaft und den bodenkundlichen Gesellschaften der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarns, Kroatiens, Sloweniens und der Schweiz durchgeführt. Auf diesem Kongress werden mehr als 1.500 Teilnehmer aus 77 Staaten Fragen diskutieren, die sowohl die wissenschaftlichen Grundlagen der Bodenkunde betreffen, wie auch praktisch relevante Probleme, die derzeit höchst aktuell sind, wie z.B. die weltweite Nahrungsmittelknappheit, die steigenden Preise für Nahrungsmittel, die Produktion von Biotreibstoffen in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln, bei gleichzeitig enorm gestiegenen Energiepreisen, was dazu geführt hat, dass sich die Kosten für Düngemittel und andere wichtige agrarische Produktionsmittel mehr als verdoppelt haben und man sich damit beschäftigen muss, wie die agrarische Produktion in Zukunft weitergehen soll.

Bei allen diesen Punkten spielt der Boden eine zentrale Rolle, da er die Grundlage für die Erzeugung von Nahrungsmitteln, Futtermitteln und nachwachsenden Rohstoffen ist, sowie seit Neuem auch für agrarisch produzierte Treibstoffe wie Biodiesel aus Raps etc. und Ethanol aus Zuckerrübe, Getreide, einschließlich Mais, und anderen kohlenhydrathaltigen landwirtschaftlichen Produkten.

Dabei stellt sich auch die Frage, ob wir bereits jetzt eine weltweite Bodenknappheit haben, da wir unsere Böden seit Jahrzehnten mit Straßen, Häusern, Fabrikanlagen, Parkplätzen u.a. versiegeln – in Österreich derzeit zwischen 10 und 15 ha pro Tag, in Deutschland zwischen 110 und 120 ha pro Tag, in der Schweiz zwischen 8 und 10 ha pro Tag. Europaweit kann für die 27 EU-Staaten in etwa geschätzt werden, dass pro Tag zwischen 8.000-10.000 ha, das entspricht 8-10 km² Fläche versiegelt werden. Das bedeutet, dass täglich ein landwirtschaftliches Dorf mit all seinen Produktionsflächen von der Bildfläche verschwindet. Können wir uns dies leisten? Können wir weiterhin agrarische Flächen versiegeln oder stilllegen? Wie viel kostet inzwischen die agrarische Produktion bei den gestiegenen Energie- und Betriebsmittelpreisen? Gibt es eine echte Konkurrenz zwischen Agro-Treibstoffen und Nahrungsmitteln, wie dies in einer erst kürzlich verlautbarten Weltbank-Studie dargestellt wurde, in der festgehalten wird, dass ¾ der Gründe für die Knappheit von Nahrungsmitteln und die Erhöhung der Nahrungsmittelpreise durch die Agro-Treibstoffherstellung bedingt sind?

Wie können neue Produktionsmethoden gefunden werden, die weniger Energie, weniger teure Düngemittel, weniger Biozide und agrarische Betriebsmittel benötigen? Können solche Ziele langfristig durchgehalten werden? Fragen über Fragen, die heute an die moderne Bodenkunde gerichtet werden und die einer Lösung bedürfen.

Darüber hinaus ist die zukünftige Abschätzung von Agro-Treibstoffen und deren Wirkung auf die Umwelt, insbesondere den Boden, von größter Bedeutung. Sind diese Produktionen ökonomisch sinnvoll und rentabel? Können sie auf die Dauer ökologisch durchgehalten werden? Ist die Energieaufnahme eines Getreidefeldes vergleichbar mit der Energieaufnahme eines Waldes und was ist die bessere Basis für die Herstellung von biologischen Treibstoffen? Sind die Ziele, die man mit der Herstellung von Agro-Treibstoffen verfolgt überhaupt richtig formuliert? Wird hier wirklich der Klimawandel eingegrenzt oder vermindert, wenn man bedenkt, dass Di-Stickstoffoxid ("Lachgas" N2O) ein 296-fach stärkeres Treibhausgas darstellt als CO2? Oder wird der Klimawandel sogar verstärkt?

Diese und weitere Fragen sollen die auf dem Kongress in Wien unter weltweiter Beteiligung diskutiert und damit neue Forschungsaufgaben definiert werden damit Lösungen gefunden werden können.

Die größten Probleme hinter der Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln und nachwachsenden Rohstoffen, einschließlich Energieträgern, wie Agro-Treibstoffen liegen darin, dass sich die Menschheit jährlich um ca. 85 Mio. vermehrt und im nächsten Jahrzehnt ca. 1 Milliarde Menschen vom Land in städtische Ballungsräume ziehen werden, die damit keine Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln mehr betreiben können, sondern auf den Welt-, Regional- und Lokalmarkt für Nahrungsmittel angewiesen sein werden. Darüber hinaus verzehren wir derzeit exponentiell zunehmend tierisches Eiweiß, d.h. Fleisch und Fleischprodukte, die enorme Mengen an Grundnahrungsmitteln für ihre Erzeugung verbrauchen. Für 1 kg Hühnchen ca. 3-4 kg Getreide, für 1 kg Schweinefleisch ca. 5-6 kg Getreide und für 1 kg hochwertiges Rindfleisch bis zu 10 kg Getreide oder vergleichbare Produkte. In China (1,3 Milliarden Menschen) hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch von 1995-2007 verdoppelt! Dabei wird der Wasserfaktor gar nicht beachtet, der in einzelnen Regionen, auch in Europa bereits heute die agrarische Produktion von pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln begrenzt. Darüber hinaus ist bereits derzeit abzuschätzen, wie der Klimawandel dieses ganze Szenario verändern wird und was dies für die agrarische und forstliche Produktion in naher und mittlerer Zukunft bedeutet.

Die organisierende "Europäische Konföderation Bodenkundlicher Gesellschaften" ("European Confederation of Soil Science Societies", ECSSS) wurde von Prof. Winfried Blum im Jahr 2004, anlässlich des letzten EUROSOIL-Kongresses in Freiburg gegründet. Der Sitz dieser Gesellschaft ist die Universität für Bodenkultur, mit Prof. Blum als Präsident und Prof. Martin Gerzabek als Vizepräsident. Die Organisation des Kongresses wird seit mehreren Jahren von der Universität für Bodenkultur vorbereitet und koordiniert.

Das Programm des Kongresses ist im Detail auf der Website http://www.ecsss.net einsehbar und kann von dort heruntergeladen werden.