21.07.2008


Wie ein Pferd zum Schimmel wird (21.07.2008)

Schimmel werden in ihrer „Grundfarbe" als Rappen, Braune, Füchse, etc. geboren. Die weiße Schimmelfarbe entsteht durch sehr frühes Ergrauen der Haare, der Prozess ist der gleiche wie beim Menschen.  Schimmel sind (bei einer Lebenserwartung von ca. 30 Jahren) nach fünf bis acht Jahren weiß. Bei manchen Schimmeln ist die Ergrauung nicht durchgehend, viele kleine Tupfen bleiben dunkel. Ist die Grundfarbe schwarz, nennt man diese Tiere Fliegenschimmel, ist sie braun, spricht man von Forellenschimmeln. Mehr als die Hälfte der Schimmel entwickeln im Lauf ihres Lebens „Melanome", meist gutartige Knoten der Haut rund um den Anus und entlang der Schweifrübe. Eine Pigmentierungsstörung namens Vitiligo ist bei Schimmeln ebenfalls häufig anzutreffen. 

Eine Gruppe von Forschern aus Wien und Zagreb unter Leitung von Johann Sölkner (BOKU) hat seit 1998 regelmäßig die Lipizzaner-Gestüte in Piber, Lipica (Slowenien), Szilvasvarad (Ungarn), Djakovo (Kroatien) und Topolcianki (Slowakei) besucht und bei rund 800 Pferden die Farbhelligkeit mittels Chromameter, Melanome, Vitiligo und Fliegenschimmelung wiederholt registriert. Damit waren die Forscher in der Lage, die Geschwindigkeit der Ergrauung bei vielen Tieren zu messen und Familienähnlichkeiten zu registrieren. Eine schwedische Gruppe in Uppsala (Leiter: Leif Andersson) suchte und fand die Mutation, die für die Schimmelfärbung verantwortlich ist. Die Art der Mutation ist ungewöhnlich, weil sie sich nicht im codierenden Bereich eines Gens, dessen Basen in Aminosäuren übersetzt werden, sondern im regulierenden Bereich des Gens befindet. Sobald Tiere nur eine Kopie der Mutation tragen, sind sie Schimmel. Alle Nachkommen reinerbiger Schimmel, welche die doppelte Dosis der Mutation haben, sind ebenfalls Schimmel, auch wenn die Paarungspartner braun, schwarz, etc. sind. Bei mischerbigen Schimmeln, die nur eine Kopie der Mutation tragen, ist zu erwarten, dass die Hälfte der Nachkommen aus Paarungen mit färbigen Pferden Schimmel sind. Die Lipizzaner in dieser Studie waren je zu rund einer Hälfte rein- und mischerbig. Reinerbige Schimmel ergrauen sehr viel rascher, haben häufiger Melanome und Vitiligo und sind praktisch nie Fliegen- oder Forellenschimmel. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein einzelnes Gen Auswirkungen auf so viele verschiedene Merkmale hat.

Die Lipizzanerzucht im Gestüt Piber, die die Pferde für die Spanische Hofreitschule liefert, selektiert traditionell „Milchschimmel", also Pferde, die keine Tupfen tragen. Deshalb sind die Pferde aus Piber zum Großteil reinerbige Schimmel. Gleichzeitig achtet man in der Spanischen Hofreitschule darauf, dass zumindest ein Hengst in ihren Vorstellungen braun oder schwarz ist. Dafür braucht das Gestüt Piber mischerbige Schimmel. Die Genotypen der Pferde, die dem Gestüt vom schwedisch-österreichischen Projekt zur Verfügung gestellt wurden, erlauben der Zuchtleitung von Piber (Dr. Max Dobretsberger) nun eine gezielte Vorgangsweise.

Info:
The manuscript "A cis-acting regulatory mutation causes premature hair greying and susceptibility to melanoma in the horse" has been accepted for publication in Nature Genetics. Tentative date of online publication: Sunday, July 20. 

Kontakt / Rückfragen:
Prof. Dr. Johann Sölkner
Institut für Nutztierwissenschaften am
Department für Nachhaltige Agrarentwicklung der BOKU Wien
(01) 47654 3271
johann.soelkner(at)boku.ac.at