Zweite Republik


Exner-Haus
Perels-Haus
Szilvinyi-Haus

Entnazifizierung und Neubeginn

Im Zuge der Entnazifizierung wurden 23 von 27 Professoren sowie 37 Dozenten (Privat- und Honorardozenten) der Hochschule für Bodenkultur entlassen. Dies hatte auch eine Einschränkung der Institute zur Folge, fünf Lehrstühle wurden ersatzlos gestrichen. Kleine Lehrkanzeln und Honorardozenturen wurden aufgelöst.

Die Personalschwierigkeiten wurden u. a. dadurch gelöst, dass in erster Linie auf Lehrbeauftragte zurückgegriffen wurde, die 1938 aus politischen oder "rassischen" Gründen enthoben worden waren, sofern dies möglich war.

Die Gründung der vierten Studienrichtung, Gärungstechnik, im Juni 1945, konnte zu keinem ungewöhnlicheren Zeitpunkt erfolgen. Die Lehrkanzel für „Angewandte Mikrobiologie und biologische Untersuchungsmethoden“ unter Ordinarius Dr. Armin Szilvinyi war die zentrale Stelle für Lehre und Forschung für diese junge Studienrichtung.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen der Hochschule für Bodenkultur wurde vom 31. Mai bis 5. Juni 1948 eine Hochschul-Festwoche abgehalten. Rektor Prof. DI Dr. Anton Steden schlug in der Festansprache vor, eine „Österreichischen Akademie der Land- und Forstwirtschaft“ mit den vier Sektionen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Kulturtechnik und Gärungstechnik zu gründen. Diese Idee erhielt jedoch kein positives Echo.

Die fünfziger Jahre waren zunächst von einer dramatischen Abnahme der Studierendenzahlen gekennzeichnet, erst mit dem Studienjahr 1956/57 begann wieder eine langsame, aber stete Zunahme der HörerInnenzahlen.

Anlässlich der Inauguration von Prof. DI Dr. Julius Kar am 9. Dezember 1960 übergab der damalige Bundesminister für Unterricht, Dr. Heinrich Drimmel, dem neuen Rektor symbolisch das „Wilhelm Exner-Haus“. Die Anmietung und die Adaptierung des ehemaligen Krankenhauses der Wiener Kaufmannschaft schaffte Platz für 7 der 28 Institute, die Hochschulbibliothek, acht Hör- bzw. Zeichensäle sowie mehrere Laboratorien.

Das „Allgemeine Hochschulstudiengesetz“ aus dem Jahre 1966 bildete die Grundlage für das 1969 erlassene Gesetz über die Studienrichtungen der Bodenkultur. Folgende Studienrichtungen waren einzurichten: Landwirtschaft, Forst- und Holzwirtschaft, Kulturtechnik und Wasserwirtschaft sowie Lebensmittel- und Gärungstechnologie. Festgelegt wurden unter anderem auch die akademischen Grade, und zwar „Diplom-Ingenieur“ (Dipl.- Ing.) und „Doktor der Bodenkultur“ (Dr. rer. nat. techn.). Die Diplomarbeit wurde Voraussetzung für den Studienabschluss.

100 Jahre Hochschule für Bodenkultur

Im Oktober 1972 konnte die Hochschule für Bodenkultur mit zahlreichen Veranstaltungen, Vorträgen und Festveranstaltungen ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Drei Jahre später – mit dem Inkrafttreten des neuen Universitäts-Organisationsgesetzes am 1. Oktober 1975 (UOG 75) – wird aus der Hochschule die „Universität für Bodenkultur“. Die im Gesetzesentwurf vorgesehenen Fakultäten entsprechend den Studienrichtungen wurden jedoch nicht eingerichtet, die BOKU entschied sich für Fachgruppen als Organisationseinheiten.

1975 konnte die BOKU auch ein neues Universitätsgebäude beziehen, das ursprüngliche Gebäude des heutigen Schwackhöfer-Hauses, damals ein experimenteller Stahlbau Anton Schweighofers und Wolfdietrich Ziesels, 1974 mit dem europäischen Stahlbaupreis gewürdigt. Dieser hatte jedoch aufgrund von Rost- und Asbestproblemen nur eine relativ kurze Lebensdauer – zwischen 2002 und 2004 wurde er generalsaniert, umgebaut und erweitert.

In den 1980er-Jahren richtete die BOKU zwei neue Forschungszentren ein, jenes für Ultrastrukturforschung, das heutige Departement für Nanobiotechnologie und das Zentrum für Umwelt- und Naturschutz – das heutige Institut für Integrative Naturschutzforschung.

Ingeborg Dirmhirn, seit 1968 Professorin für Bioklimatologie an der Utah State University in Logan, wurde 1981 als erste Professorin an die BOKU berufen. Unter ihrer Leitung wurde das neue Institut für Meteorologie und Physik aufgebaut. In Würdigung ihrer Verdienste wurde nach ihrem Tod, 2008, vom Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen der BOKU der Ingeborg Dirmhirn Förderpreis für genderspezifische Master(Diplom-)arbeiten und Dissertationen ins Leben gerufen.

1984 kam es zu einer Erweiterung des Standortes Türkenschanze durch den "Türkenwirt" und das heutige Adolf Cieslar-Haus. Nach Übersiedlung des Frauenhospizes in das Hanusch-Krankenhaus und einer zeitweiligen Verwendung durch die Vienna International School, konnte die BOKU ab 1984 das Gebäude in der Peter Jordan-Straße 70 für universitäre Zwecke nutzen.

Mit dem UOG 1993 erhielten die Universitäten einen neuen institutionellen Rahmen, er sollte ihnen vor allem mehr Autonomie sichern, nachdem ihnen bereits 1988 die Teilrechtsfähigkeit zugestanden worden war. Nach dem UOG 93 oblag die Leitung der Universität nunmehr dem Rektor und einem neu zusammengesetzten Senat, unterstützt von Vizerektoren und einem Universitätsbeirat.

Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts konnte die BOKU die schon seit den 1980er-Jahren durch stark steigende Studierendenzahlen prekäre Raumsituation deutlich verbessern. Das Institutsgebäude Muthgasse I (Emil Perels-Haus) wurde 1991 eröffnet. Fünf Jahre später wurde die Muthgasse II (Armin Szilvinyi-Haus) der BOKU übergeben, bei der Konzeption dieses Gebäudes wurde von Anfang an eine rationale Hochschulplanung durchgeführt – ein Novum an der BOKU.

Es wurde jedoch nicht nur neu gebaut, bestehende Gebäude konnten auch renoviert und erneuert werden, 1996 war nach drei Jahren die Sanierung des Exner-Hauses abgeschlossen, die Inbetriebnahme des renovierten Simony-Hauses, als „Haus der Landschaft“, erfolgte im Jahr 1998.

Anfang der 1990er-Jahre wurde eine fünfte Studienrichtung an der BOKU eingerichtet, der Studienversuch Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung wurde 1991 in die neue Studienrichtung Landschaftsplanung und Landschaftspflege umgewandelt.

Im Bereich Forschung ist einer der zentralen Ereignisse der 1990er-Jahre die Eröffnung des IFA Tulln – des Interuniversitären Forschungsinstituts für Agrarbiotechnologie – am 1. Oktober 1994. Ein Beispiel erfolgreicher Zusammenarbeit von drei Wiener Universitäten (Bodenkultur, Veterinärmedizin und Technik) und drei Gebietskörperschaften (Bundesministerium, Amt der NÖ Landesregierung und Stadt Tulln).  Seit dem UG 2002 steht das Forschungszentrum unter der Leitung der Universität für Bodenkultur und ist heute als Interuniversitäres Departement für Agrarbiotechnologie eines der 15 Departments der BOKU.

1997 konnte die Universität für Bodenkultur ihr 125-jähriges Bestehen feiern, aus diesem Anlass wurde erstmals ein „Tag der offenen Tür“ veranstaltet.

Im neuen Jahrtausend

Mit 1.1.2004 wurde die BOKU, wie alle österreichischen Universitäten, aufgrund des Universitätsgesetzes 2002 (UG 02) in die Vollrechtsfähigkeit entlassen. Die Leitung obliegt seither dem Rektorat (Rektor und maximal vier Vizerektoren) und dem neu geschaffenen Universitätsrat. Dem Senat kommen, neben der Aufgabe, die Satzung der Universität zu erlassen und einen Vorschlag für die Wahl des Rektors vorzulegen, vor allem Mitwirkungsrechte bei der Erstellung des Organisations- und Entwicklungsplans der Universität sowie Kompetenzen in studienrechtlichen Belangen zu. Die alten Fachsenate wurden aufgelöst und die 40 Institute zu 13 Departments zusammengeführt.

Ab dem Studienjahr 2004/05 wurden alle Studien der BOKU auf Bakkalaureats- und Masterstudien umgestellt.

Knapp ein Vierteljahrhundert nach dem die erste Professorin an die BOKU berufen wurde, übernahm mit 1. Oktober 2007 Dr. techn. Ingela Bruner die Leitung der BOKU. Sie war nicht nur die erste Rektorin der BOKU, sondern die erste Rektorin einer staatlichen Universität in Österreich. Im Jänner 2009 löst Ingela Bruner einvernehmlich ihr Arbeitsverhältnis mit der Universität für Bodenkultur, im Dezember 2009 wählte der Universitätsrat den seit 21. Jänner d. J. geschäftsführenden Rektor Prof. Dipl.-Ing. Dr. Martin Gerzabek zum Rektor.

Ende Oktober 2009 erfolgte die Eröffnung des Vienna Institute of BioTechnology (VIBT) der Universität für Bodenkultur in der Muthgasse (Muthgasse III), die 24.000 Quadratmeter für universitäre und private Forschung, Entwicklung und Ausbildung bietet.

Im Jänner 2005 wurde der Alumnidachverband gegründet. Als zentrale Ansprechstelle für Absolventen und Absolventinnen der Universität soll er die Vernetzung bereits bestehender Absolventenverbände ermöglichen.

Bundespräsident Dr. Heinz Fischer konnte am 28. Jänner 2008 Rupert Seidl zur ersten Sub-auspiciis-Promotion an der BOKU gratulieren.

Erstmalig beteiligte sich die BOKU im Sommer 2009 an der 2003 vom Kinderbüro der Universität Wien ins Leben gerufenen Kinderuni Wien mit Vorlesungen, Workshops und Exkursionen.

Der 12. Mai 2010 war erstmals ein ganzer Tag im Zeichen der Lehre, mit Vorträgen, Workshops und einer Podiumsdiskussion zum Thema. BM Dr. Beatrix Karl konnte den BOKU Teaching Award an hervorragende Lehrende überreichen.

Im Frühjahr 2011 wurde der Standort Tulln mit dem Universitäts- und Forschungszentrum UFT erweitert. Die feierliche Eröffnung wurde am 29. September 2011 durch Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll vorgenommen.

Anfang Februar 2012 fand das Festsymposium „140 Jahre Universität für Bodenkultur – Quo vadis Universität(en)?“ statt.

Mit 76 Professorinnen und Professoren wurde 2013 die bis jetzt höchste Anzahl an Ordinarii in der BOKU-Geschichte erreicht.

Die Infrastruktur des zentralen Standortes der BOKU wird in den kommenden Jahren deutlich ausgebaut werden. Das betrifft sowohl die Sanierung des Mendel- undLiebighauses, den Neubau des Türkenwirtes – als neues innovatives und offenes Haus für Studierende und Lehrende mit Mensa und Hörsaal als auch die Errichtung eines Hörsaalzentrums und Weiterentwicklung des Hauses der Studierenden. Aufgrund der sehr stark gestiegenen Zahl der Studierenden ist eine Anpassung der Raumkapazität dringend notwendig, um die entsprechende Infrastruktur für die Studierenden und deren Initiativen, sowie die Erweiterung der Labor- und Institutskapazitäten zur Verfügung stellen zu können.

Im Frühjahr 2011 konnte die Universitätsleitung trotz der Budgetrestriktionen die Zusage zur Generalsanierung für das Gregor Mendel-Haus und weitere Verbesserungen für den Standort Türkenschanze erwirken. Dabei wird auch das Dachgeschoss des Liebigtraktes vollständig ausgebaut. Das Oskar Simony-Haus wird durch den Ausbau des Dachgeschosses aufgewertet und einer Substanzsanierung unterzogen.

Die Sanierung des Forschungsglashauses sowie der Neubau des Kindergartens und des Gartencenters wird unmittelbar danach in Angriff genommen.

Für das ehemalige „TÜWI-Haus wurde europaweit ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Es ist im Neubau als Plus-EnergieHaus konzipiert, wesentliche Nachhaltigkeitskriterien dafür sind Energieeffizienz, ökologische Baustoffe, Fassaden- und Innenraumbegrünung, ein nachhaltiger Freiraum und die Optimierung von Lebenszykluskosten. Das zweistufige Auswahlverfahren sieht die Einladung zum Wettbewerb für 10 TeilnehmerInnen vor. Herr Professor Treberspurg wurde zum Vorsitzenden der Auswahljury gewählt und mit Ende Februar 2014 ist die Sitzung des Preisgerichtes anberaumt.

Für den Neubau werden ein großer Hörsaal, eine Mensa, ÖH – und Studierflächen, natürlich auch das unverzichtbare „TÜWI“ Lokal mit dem TÜWI-Hofladen und verschiedene Institutsflächen geplant.

Im Jahr 2012 konnte die Universität für Bodenkultur Wien zwei Ranking-Erfolge erzielen.

Im "QS World University Rankings by Subject 2012" für den Fachbereich Land- und Forstwirtschaft konnte die BOKU weltweit einen Platz unter den ersten 100 Universitäten (Rang 51-100) erreichen. Verantwortlich dafür sind hohe Bewertungen im Bereich der akademischen Reputation und der Zitierungen der wissenschaftlichen Veröffentlichungen der BOKU. Das ist in diesem Jahr bereits der zweite große Ranking-Erfolg der BOKU - schon im Green University Ranking 2012 (Reihung der nachhaltigen Universitäten) konnte die BOKU in Europa den 8. Rang und weltweit den 21. Rang vorweisen.

Mit einer Festveranstaltung feierte die BOKU-Versuchswirtschaft Groß-Enzersdorf am 8. Mai 2013 ihr 110-Jahr-Jubiläum.

Im Jahre 1903 wurde die Versuchswirtschaft Groß-Enzersdorf durch das k.k Ministerium für Kultus und Unterricht vom „Allerhöchsten Fonds“ für die Hochschule für Bodenkultur gepachtet und ein Gebäudeensemble errichtet.

Damals wie heute waren die Tätigkeiten vor Ort von „High Tech“ geprägt. Für die Weiterentwicklung der Landtechnik, nachhaltiger Bewirtschaftungsmethoden und das Themas „Bioraffinerie“, ist Groß-Enzersdorf unverzichtbar. Ebenso für unzählige Freiland- und Langzeitversuche, die Auskunft über die langsame Veränderung des Bodens geben sollen.

Zu den weiteren Baumaßnahmen zählt noch die Errichtung eines Seminargebäudes im forstlichen Versuchsgarten "Knödelhütte“ (Eröffnung Ende November 2013).