Rektor Gerzabek korrespondierendes Mitglied der ÖAW


Martin Gerzabek, geschäftsführender Rektor der BOKU und Universitätsprofessor für Umwelttoxikologie und Isotopenanwendung, wurde zum korrespondierenden Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Er ist damit einer der wenigen österreichischen Rektoren, denen diese Auszeichnung für ihre herausragenden  wissenschaftlichen Leistungen zuteil wurde.

Martin Gerzabek studierte Landwirtschaft/Pflanzenproduktion an der Universität für Bodenkultur Wien und promovierte in Pflanzenernährung. Von Beginn an fokussierte sich Gerzabek auf die Bodenchemie und hier anfangs vor allem auf die Humuschemie und die Isotopenanwendung. Zusätzlich führten mehrere Projekte nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zur Entwicklung einer ausgeprägten radioökologischen Expertise, mit dem Schwerpunkt: Verhalten von Radionukliden im Boden und Transfer in die Pflanze einschließlich möglicher Gegenmaßnahmen. Dabei wurde z.B. eines umfassendes radioökologisches Modells für Waldökosysteme entwickelt.  Die radioökologische Expertise wurde international (z.B. im Rahmen des intern. Tschernobylprojektes der IAEA) stark nachgefragt. Gastvorlesungen in Gorki und Rio de Janeiro waren z.B. Ausdruck der Anerkennung. In den 90er Jahren verlagerte sich der Fokus zunehmend auf das Verhalten der organische Substanz im Boden, deren Stabilisierung, Mineralisierung und Umwandlung. Dabei setzte Gerzabek insbesondere auf die Nutzung von Langzeitversuchen in Schweden und Österreich. Kohlenstoff-, Stickstoff- und Schwefelbilanzen, einschließlich der Bilanzen der stabilen Isotope und die daraus abgeleiteten Umsetzungsraten fanden sehr gute Resonanz in der internationalen Literatur wie auch die Entwicklung einer Fraktionierungsmethode Ende der 90er Jahre, die verschiedene Größen­fraktionen im Boden mit definierter Energieeinwirkung schonend trennt und erlaubt, eine Vielzahl von Parametern in den Fraktionen zu bestimmen. Daraus entwickelten sich einige der meistzitierten Publikationen. Die Kombination dieser Methodik mit chemischen Extraktions- und Analysenverfahren wurde in mehreren FWF und EU- Projekten zur Untersuchung der Adsorption von organischen und anorganischen Schadstoffen in Korngrößenfraktionen und somit an unterschiedlichen Interfaces verwendet. Die Nutzung der FT-IR Methodik zur Charakterisierung der organischen Bodensubstanz war z.B. ein international  beachteter Schritt. Im Bereich der Umwelttoxikologie trug Gerzabek wesentlich zur Weiterentwicklung der Lysimetertechnik zur Quantifizierung des Schadstoffverhaltens im System Boden-Wasser-Pflanze bei. Er erbaute in Summe 4 große Anlagen für Radionuklidverhalten, für 14C-Markierungsversuche, zur Altlastenuntersuchung und im Auftrag der AGES Österreichs größte Anlage für pflanzenbauliche Fragestellungen. Intensive Forschungsanstrengungen befassten sich auch mit Altlastensanierungstechniken wie etwa Schwermetall-Immobilisierung in diesem Zusammenhang. Ab Mitte der 90er Jahre begann Gerzabek gemeinsam mit H. Lischka vom Institut für Theoretische Chemie der Universität Wien eine Arbeitsgruppe aufzubauen, die zum Ziel hat, theoretisch chemische Methoden in der Bodenchemie einzusetzen, um prinzipiell Mechanismen der Interaktion von Schadstoffen mit Bodeninterfaces zu erforschen und zu verstehen. Dabei wurde und wird vielfach ganz neues Terrain beschritten und werden international beachtete Modelle z.B. von Bodenmineralen (Fe-Oxide, Tonminerale) oder der organischen Substanz für Interaktions­untersuchungen mit Herbiziden und anderen organischen Schadstoffen (PAH) hochrangig publiziert. Diese Arbeiten wurden in mehreren FWF Projekten eingebettet und führten zur Bewilligung eines Schwerpunktprogramms der DFG (Biogeochemical Interfaces in Soils), das von Gerzabek mit vier Partnern aus  Deutschland eingereicht wurde. Die Herausgabe einer thematic issue zum Thema „Molecular modeling in soil science“ im European J. Soil Science führte 2007 zu einem Durchbruch der Anwendung von Computerchemie in bodenchemischen Fragestellungen.

Gerzabek leitete bis dato mehr als 20 wissenschaftliche Projekte mit Projektsummen bis zu 3,7 Millionen Euro, viele davon sind FWF- und EU-Projekte. Seine internationale Anerkennung im Bereich der Bodenchemie und Umwelttoxikologie ergibt sich aus den zahlreichen Funktionen in wissenschaftlichen Vereinigungen. So wurde er heuer für die Periode 2010-2014 zum Vorsitzenden der Division Soil properties and processes der Internationalen Bodenkundlichen Union (35000 Mitglieder) in einer Abstimmung durch alle Mitglieder gewählt.

 

Beruflicher Werdegang, wissenschaftliche Ehrungen und Funktionen

  • 1984-2003  im ARC (früher Österreichisches Forschungszentrum Seibersdorf)
  • 1990  Verleihung der Befugnis eines Ingenieurkonsulenten für Landwirtschaft
  • 1993 – 1996  Leiter des Arbeitsgebietes Agrarforschung (Forschungszentrum Seibersdorf)
  • 1993  Verleihung der Lehrbefugnis eines Universitätsdozenten für Bodenkunde (BOKU)
  • 1997 - 2003  Leiter der Abteilung Umweltforschung im Österr. Forschungszentrum Seibersdorf
  • seit 15.5.2001  Universitätsprofessor für Umwelttoxikologie und Isotopenanwendung, Institut für Bodenforschung, Universität für Bodenkultur
  • seit 1.10.2003  Vizerektor für Forschung der Universität für Bodenkultur Wien
  • seit Jänner 2009  Geschätsführender Rektor der Universität für Bodenkultur Wien
  • Österreichische Bodenkundliche Gesellschaft (1994-2000: Schatzmeister; 2000-2006: Präsident, seit 2006: Altpräsident und Ehrenmitglied)
  • Internationale Bodenkundliche Gesellschaft (seit 1985: Mitglied; 2002-2006: Vice-Chairman, 2006-2010: Chairman, Comm. Soil Chemistry; 2010-2014: chairperson division 2 „Soil properties and processes“
  • European Confederation of Soil Science Societies: Vizepräsident: 2004-2008
  • European Society of New Methods in Agricultural Research (1993-2000 Chairman der Working Group 3, Soil-Plant Relationships, seit 1993 Mitglied des Council)
  • Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses der Gentechnikkommission für Freisetzungen und Inverkehrbringen (seit 14. Jänner 1999; Experte für Bodenkunde)
  • Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des Bereiches Biogenetics and Natural Resources, ARC Seibersdorf research (seit 2004)
  • Österreichischer Verein für Altlastenmanagement; Gründungsmitglied und Vizepräsident seit 2004
  • Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der GSF- Helmholtz-Zentrum für Umwelt und Gesundheit, München (seit 2006)
  • 2004: „Pro Merito“ Ehrenzeichen für besondere Verdienste um den Strahlenschutz in Gold
  • 2006: Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Bodenkundlichen Gesellschaft für herausragende Verdienste um die Bodenkunde in Österreich

13.05.2009