Vergleich der Methoden der Soziologie und der Geschichte |
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Johannes Mayr |
Oliver Meixner |
Michael Waidacher
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[Vergleich zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung]
Im Unterschied zur quantitativen Forschung, die, vereinfacht gesagt, auf der Erhebung und Auswertung von Massendaten und der Überprüfung vorher generierter Hypothesen basiert, geht es in der qualitativen Forschung eher darum, einen Fall in all seinen Dimensionen zu erfassen, um dadurch zu einem realitätsgerechten Bild der Wirklichkeit zu gelangen. Der Weg der quantitativen Forschung, zahllose Dimensionen unberücksichtigt zu lassen bzw. ceteris paribus zu setzen, wird von Vertretern des qualitativen Paradigmas vehement abgelehnt. Die Kritik quantitativer Forschung, vor allem im Bereich der Soziologie kann wie folgt zusammengefaßt werden (vgl. GIRTLER, 1984, 24ff):
Die Kritik an den quantitativen Methoden ist aber nicht gleichbedeutend mit einer grundsätzlichen Ablehnung derselben oder einer vollständigen Unvereinbarkeit qualitativer und quantitativer Forschung, vielmehr verpflichtet sie den einzelnen Forscher schon in der Erhebungsplanung zum sorgfältigen Umgang mit den einzelnen Methoden.
Der Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung wird recht anschaulich verdeutlicht, wenn man sich (nicht unbedingt auf soziologische oder historische Forschung bezogene) Vorgehensweise bei Prognosemodellen vor Augen hält (vgl. BEREKOVEN et al., 1993, 271ff):
Bei wird quantitativen Prognosen stets versucht, anhand einer Vielzahl von Datensätzen und mithilfe mathematisch-statistischer Methoden (exponentielle Glättung, Trendextrapolation etc.), in die visa versa nur eine beschränkte Anzahl von Ausgangsvariablen eingehen können, Aussagen über zukünftige Entwicklungen bzw. Trends (Ursache-Wirkung) zu treffen. Diese Methoden sind eng an ein theoretisches Konzept gebunden und können somit, sollte sich die Theorie als falsch erweisen, auch keine realitätsgerechten Aussagen für die Zukunft ermitteln.
Bei qualitativen Prognosen ist die Vorgehensweise ein völlig andersartige: Es werden Experten zurate gezogen, die dann aufgrund ihres Fachwissens häufig eine wesentlich bessere Einschätzung zukünftiger Entwicklungen abgeben können, obwohl diese nicht (allein) auf standardisierbaren bzw. objektivierbaren Daten basieren (obwohl natürlich auch solche in die einzelne Einschätzung eingehen werden), sondern sehr viel intuitive Einflüsse hinzukommen. Durch kluges Forschungsdesign lassen sich derartige Ergebnisse noch wesentlich verbessern (z.B. Delphi-Methode, Szenario-Technik).
Im deutschsprachigen Raum herrscht noch immer eine starke Konzentration auf quantitative Methoden vor, weshalb sie von Tomczak auch als Mainstream-Forschung bezeichnet wird, wohingegen qualitative Methoden trotz der Erfolge amerikanischer Wissenschafter (z.B. Harvard-School) noch immer ein Schattendasein führen (vgl. TOMCZAK, 1992). Vor allem in Forschungsbereichen, die durch erheblichen Theoriemangel gekennzeichnet sind, sollte aber keinesfalls auf die Vorteile der qualitativen Methoden verzichtet werden. Auf diese wird sich dieses Kapitel konzentrieren, im speziellen auf jene, die sowohl in der Geschichts- als auch in der Sozialforschung von vorrangiger Wichtigkeit sind.
Bei der Anwendung qualitativer Methoden (siehe Kapitel 0: 8. Die qualitativen Methoden) sind bestimmte Prinzipien zu beachten. Diese sind das Prinzip der Offenheit, der Kommunikativität, der Naturalistizität und der Interpretativität (vgl. LAMNEK, 1995b, 17ff):
Das zentrale Prinzip der Offenheit bezieht sich auf Offenheit bezüglich des theoretischen Konzepts (das heißt Vermeidung jeglicher Theorielastigkeit zugunsten Realitätsnähe), Offenheit gegenüber den untersuchten Personen (Erklärung von Sinn und Zweck der Untersuchung), Offenheit in der Erhebungssituation (um Flexibilität in der Erhebungssituation und in der Wahl der Erhebungstechniken zu gewährleisten) als auch Offenheit in der Generierung theoretischer Konzepte.
Damit die geforderte Realitätsnähe qualitativer Forschung erreicht werden kann, ist es notwendig, ja unerläßlich, daß der Forscher auch bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit eine kommunikativen Akt initiiert, der der Alltagskommunikation ähnelt, um so die in der jeweiligen Situation entstehende Wirklichkeit erfassen zu können. Dieses Prinzip geht Hand in Hand mit dem nächstfolgenden Prinzip.
Denn indem der Forscher eine der alltäglichen Kommunikation ähnelnde Situation schafft, ist es ihm möglich, unnatürliche bzw. künstliche, dem Untersuchungsobjekt fremde Situationen zu vermeiden, um dadurch ein realitätsgerechtes Bild der Wirklichkeit zu erhalten. Obwohl das Problem der Künstlichkeit beispielsweise während einer Befragung auch in der qualitativen Forschung nie ganz aus der Welt zu schaffen ist, wird dieses Problem nie jene Relevanz erhalten, die es beispielsweise bei standardisierten (quantitativen) Interviews einnimmt.
Gerade bei der (Einzel-)Fallstudie scheint die Interpretation - also Nachvollzug individueller Bedeutungszuweisungen - im Einzelfall möglich, weil einerseits die Datenerhebung in offener, natürlich-kommunikativer Weise erfolgt und andererseits ein Fall in all seinen Dimensionen zu erfassen versucht wird. Deshalb wird gerade in der Soziologie häufig die Meinung vertreten, daß man nicht um die arbeitsintensive Fallstudie umhin kommen kann, wenn man soziales Handeln realitätsgerecht erforscht werden soll (vgl. etwa ABEKS, 1975, 245).
Im Prinzip können folgende qualitative Methoden unterschieden werden, wobei eine trennscharfe Abgrenzung zwischen den einzelnen Methoden nicht immer möglich ist (vgl. LAMNEK, 1995b):
Da in Geschichts- und Sozialforschung nicht alle Methoden in gleicher Weise anwendbar sind, ist im Rahmen dieser Arbeit eine Beschränkung auf die Einzelfallstudie, das qualitative Interview, die Inhaltsanalyse und die biographische Methode angebracht. Die beiden letzten Methoden spielen in der Geschichtsforschung eine vorrangige Rolle, da es hier (vor allem wenn man sich über einen gewissen Zeithorizont hinaus mit geschichtlichen Ereignissen, Entwicklungen etc. beschäftigt) häufig kaum mehr möglich ist, Zeitzeugen zu befragen und man auf tradiertes Material angewiesen ist.
Schon zu Beginn des Kapitels zur Einzelfallstudie schreibt Lamnek "Obgleich die Einzelfallstudie eine sehr lange Tradition hat - schließlich sind manche philosophische Analysen als Einzelfallstudie erfolgt -, ist sie durch den Bedeutungsgewinn des Empirismus und die große Verbreitung der quantitativen Sozialforschung etwas in den Hintergrund gedrängt worden" (LAMNEK, 1995b, 4). Auch hier zeigt sich der Konflikt (so man ihn als solchen ansehen sollte) zwischen qualitativem und quantitativem Paradigma.
Nichtsdestotrotz erlebte die Einzelfallstudie eine gewisse Renaissance, vor allem wegen der breiten Anerkennung (auch durch die Praxis) amerikanischer Forschungsansätze (wie der bereits erwähnte Harvard-Ansatz, der hauptsächlich qualitativ, auf die Studie einzelner Fälle ausgerichtet ist). Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die "Einzelfallstudie zwar häufig erwähnt, aber nur beiläufig am Rande erwähnt wird" (ebenda), was damit begründet ist, daß es sich bei der Einzelfallstudie im eigentlichen Sinne nicht um eine Methode, sondern um einen Forschungsansatz handelt, bei dem eine Vielzahl anderer qualitativer Methoden (im engeren Sinn) verwendet werden, beispielsweise das qualitative Interview, die Inhaltsanalyse bestehender Dokumente etc. Prinzipiell ist die Einzelfallstudie also sehr offen gegenüber allen Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung (wobei von Vertretern des qualitativen Paradigmas eine Anwendung quantitativer Methoden zumeist abgelehnt wird).
"Bei (Einzel-)fallstudien werden besonders interessante Fälle hinsichtlich möglichst vieler Dimensionen und zumeist über längeren Zeitraum hinweg beobachtet (bzw. befragt, inhaltsanalytisch ausgewertet), beschrieben und analysiert" (KROMREY, 1986, 320). Demnach geht man bei der Einzelfallstudie einen anderen Weg als in der quantitativen Forschung, indem keine Reduktion auf einige wenige Variablen vorgenommen wird, um dadurch mit einem großen Datensatz arbeiten zu können und ein Modell der Wirklichkeit entworfen werden soll, sondern man versucht, möglichst viele Dimensionen (im Idealfall alle) zu berücksichtigen, um dadurch ein ganzheitliches und realitätsgerechtetes Bild der Wirklichkeit zu erhalten.
Untersuchungsobjekte können sowohl Personen, Gruppen, Kulturen oder Organisationen, aber auch bestimmte Verhaltensmuster sein (im Extremfall wird die Untersuchung anhand eines individualistischen Einzelfalls durchgeführt), wobei besonders prägnante Fälle heranzuziehen sind. Es kann also gesagt werden, daß aus jedem Einzelfall eine eigene Untersuchung für sich gemacht wird (vgl. GOODE und HATT, 1956, 312 zit. in LAMNEK, 1995b, 7) und dabei Material, das auf unterschiedlichste Weise gewonnen werden kann, auszuwerten und zu interpretieren ist. Zieht man einen Vergleich zwischen qualitativem und quantitativem Froschungsdesign, so ergibt sich untenstehende Tabelle:
Tabelle 1: Vergleich zwischen qualitativer Fallstudie und quantitativem Forschungsdesign
| Qualitative Fallstudie | Quantitatives Forschungsdesign |
| wenige Fälle | viele Fälle |
| viele Informationen | viele Informationen |
| tiefe Informationen | breite Informationen |
| mehrere Methoden | eine Methode |
| ganzheitliche Sichtweise | partikularistische Sichtweise |
Quelle: LAMNEK, 1995b, 8
Werden Fallstudien in der quantitativen Forschungslogik hauptsächlich zur
verwandt, so wird anhand qualitativer Fallstudien versucht, "Material zu sammeln, das Aussagen über konkrete Wirklichkeit und Wahrnehmungen dieser Wirklichkeit durch konkrete Personen zuläßt" (ABELS, 1975, 330 zit. in: LAMNEK, 1995b, 16).
Zusammenfassend läßt sich die Einzelfallstudie also wie folgt charakterisieren:
Sie findet sowohl in der Soziologie als auch in der Geschichtsforschung breite Anwendung. Als Beispiele können soziales Verhalten Jugendlicher, das anhand von Einzelfallstudien das Selbstverständnis der Jugendlichen einer bestimmten Generation illustrieren soll (Soziologie) (vgl. etwa FISCHER et al., 1981) oder der Widerstand in den Konzentrationslagern Hitler-Deutschlands (Geschichte) (vgl. etwa LANGBEIN, 1980) genannt werden. Beide Male wird versucht, soziale bzw. historische Phänomene anhand von Fallstudien (und anderen qualitativen Methoden) zu dokumentieren und darüber hinaus auch den Bedeutungsinhalt, den diese Fälle für eine ganze soziale Gruppe bzw. Epoche haben, (soweit als möglich) zu ermitteln. Ausgangsbasis war also eine Forschungsfrage (z.B.: Ließen es die Insassen der Konzentrationslager des Dritten Reiches ohne jeglichen Widerstand zu, daß sie einer Massenvernichtung zugeführt wurden?) und aufgrund von Einzelschicksalen sollte eine allgemeingültige Antwort darauf gegeben werden (im konkreten Fall: Es gab durchaus ein Netz der Widerstandsbewegung innerhalb der Konzentrationslager, das auch unter extremen Bedingungen wirkungsvoll agierte. Deshalb auch der Titel: "...nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945"). Es ist also durchaus möglich aufgrund von einzelnen Fallstudien eine allgemeingültige Aussage zu treffen, insbesonders bei Phänomenen, die quantitativ kaum bzw. nur sehr unzureichend zu erfassen wären.
Eine weitere, hauptsächlich in der Soziologie angesiedelte Erhebungsmethode, die aber auch in der Geschichtsforschung gerne verwendet wird, soweit es sich um die Befragung von Zeitzeugen handelt, stellt das qualitative Interview dar. Dabei ist festzuhalten das es das qualitative Interview nicht gibt, vielmehr wurden bereits viele verschiedene Formen entwickelt. Dabei handelt es sich um eine "echte" Methode, die beispielsweise auch in der oben beschriebenen Fallstudienanalyse häufig eingesetzt wird.
Allgemein versteht man unter Interview (=anglo-amerikanischer Begriff, der sich im 20. Jahrhundert auch im deutschsprachigen Gebiet durchgesetzt hat) um "ein planmäßiges Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen veranlaßt werden soll" (SCHEUCH, 1967, 70).
Auch hier treffen die Anschauungen der verschiedenen Paradigmen aufeinander. Sehen jene Forscher, die sich eher dem quantitativen Paradigma verpflichtet sehen, im qualitativen Interview, "die sich vor allem in beschreibenden Untersuchungen bzw. zur Erkundung von Hypothesen bewährt haben" (BORTZ und DÖRING, 1984, 231), so sehen dies die Vertreter qualitativer Forschung auch ein Instrument, mit dem ein Erkenntnisgewinn in Richtung Theorieprüfung erzielt werden kann.Hinweis 1) Grundsätzlich gibt untenstehende Tabelle einen Überblick über die verschiedenen Charakteristika, die qualitative und quantitative Befragungen kennzeichnen:
Tabelle 2: Charakteristika von Befragungen
Dimensionierung der Differenzierung |
Formen und Bezeichnungen * |
praktiziert im Paradigma |
|
| qualitativ | quantitativ | ||
| ermittelnde vermittelnde (evtl. Aktionsforschung) |
(+) + |
+ - |
|
| standardisiert halb-standardisiert nicht-standardisiert |
- (+) + |
+ + (+) |
|
| Einzelinterview Gruppen paper&pencil |
+ + - |
+ + + |
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| mündlich schriftlich |
+ - |
+ + |
|
| hart weich neutral |
- + (+) |
(+) (+) + |
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| geschlossen offen |
- + |
+ (+) |
|
| face-to-face telefonisch |
+ (-) |
+ + |
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| postalisch Postwurf Beilagenbefragung |
- - - |
+ + + |
|
Die in Klammer stehenden + (gut geeignet/häufig verwendet) bzw. - (schlecht geeignet/nicht bzw. kaum verwendet) sollen eine gewisse Aufweichung gegenüber der eher strengen Zuordnung zu qualitativ vs. quantitativ verdeutlichen.
Quelle: LAMNEK, 1992, 37
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1) Die Differenzen
zwischen quantitativen und qualitativem Paradigma werden hierin
überzeichnet dargestellt. Natürlich kann kein Vertreter allen
Ernstes die eine oder andere Forschungsrichtung vollständig
ablehnen. Darüber hinaus sind die Grenzen oft fließend, was
eine eindeutige Abgrenzung der einzelnen Forschungsmethoden
naturgemäß erschwert. Dennoch erscheint es bedenklich, daß
beispielsweise im deutschsprachigen Raum ein Plädoyer für den
qualitativen Forschungsansatz in bestimmten
Wissenschaftsbereichen überhaupt notwendig macht (vgl. TOMCZAK,
1992). Dies dürfte insbesonders auch darin begründet sein, daß
durch die fortgeschrittene Computertechnologie, die verfeinerten
(multivariaten) Methoden etc. immer leichter, billiger und
einfacher wird, mit Massendaten per Knopfdruck zu scheinbar schlüssigen
Ergebnissen zu gelangen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen,
daß die errechnete "Quasi-Genauigkeit" derartiger
Ergebnisse viele Mängel beinhalten, die nur schwer auszuschalten
sind. Deshalb wird von allen Kapazitäten auf dem Gebiet der
Datenauswertung immer wieder auf die Gütekriterien, die Überprüfung
statistischer Ergebnisse durch forschungslogische
Zusammenhangsanalysen und mathematisch-statistische Verfahren etc.
hingewiesen (vgl. etwa BACKHAUS, 1994). [zurück]
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Prinzipiell unterscheidet man verschiedene Formen qualitativer Interviews, die jedoch so zahlreich sind, daß sie hier weder vollständig aufgezählt noch detailliert erläutert werden können. Als wichtigste Formen können genannt werden:
Narratives Interview
Dabei handelt es sich um eine von Schütze entwickelte Interviewform, bei der der Befragte aufgefordert wird zu einem genannten Untersuchungsgegenstand zu erzählen, d.h. "Erzählung eigenerlebter Erfahrungen" (SCHÜTZE, 1977, 1). Der Forscher geht (im Idealfall) völlig ohne wissenschaftliches Konzept in die Datenerhebung, d.h. er ist in alle Richtungen hin offen und nicht vorbelastet.
Fokussierendes Interview
"Merton und Kendall (1979) beschreiben das fokussierende Interview als eine Befragungsform, bei der ein bestimmter Untersuchungsgegenstand im Mittelpunkt des Gesprächs steht, bzw. bei der es darum geht, die Reaktionen des Interviewten auf das 'fokussierende' Objekt zu ermitteln" (BORTZ und DÖRING, 1984, 232).
Problemzentriertes Interview
Bei dieser Methode wird ein Problembereich von verschiedenen Seiten (d.h. mit Hilfe verschiedener Methoden) betrachtet und analysiert. Die Konzeptgenerierung steht ähnlich wie beim narrativen Interview im Vordergrund, doch wird im Unterschied dazu ein bestehendes wissenschaftliches Konzept durch den Erzählenden eventuell modifiziert (vgl. Lamnek, 74ff).
Tiefen- oder Intensivinterview
Bei obigen Interviewformen wurde die Bedeutungszuweisung allein durch den Befragten in der Interviewsituation vorgenommen. Anders beim Tiefeninterview: Hier geht es vor allem darum, Bedeutungsinhalte zu ermitteln, die dem Befragten nicht klar sind, bzw. die er nicht klar artikulieren kann. Es geht dem Forscher vor allem darum, unbewußte Bedeutungsstrukturen zu ermitteln. "Die Äußerungen des Befragten werden vor dem Hintergrund einer bestimmten theoretischen Vorstellung, etwa der Psychoanalyse, betrachtet" Lamnek, 81).
Rezeptives Interview
Eine recht neue Form qualitativer Interviews stellt das rezeptive Interview vor (nach KLEINIG, 1988). Hier tritt der Interviewer nicht als Fragesteller auf, sondern hauptsächlich als Zuhörer, Reaktivität, d.h. Einflußnahme des Interviewer auf das Interview soll dadurch soweit als möglich vermieden werden.
Die obige Darstellung zeigt, daß es unterschiedlichste Formen qualitativer Interviews gibt, aus denen der Forscher nach der jeweiligen Untersuchung auswählen kann. Dadurch kann er die Datenerhebung sehr gut an die von ihm untersuchte Thematik anpassen. So werden soziologische Untersuchung, die sich mit einer bestimmten Bevölkerungsschicht befassen (z.B. Senioren, Jugendliche, Obdachlose) sich anderer Erhebungstechniken bei qualitativen Befragungen bedienen müssen, als dies bei der Befragung von Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges der Fall sein wird. (Gerade bei historischen Untersuchungen zeigen sich auch die engen Grenzen, die die Zeit derartigen Untersuchungen setzt.)
Kurz zusammengefaßt ergibt sich also folgende Übersicht:
Tabelle 3: Methodologischer Vergleich
| methodologische Prämissen | narratives Interview |
problemzentriertes Interview |
fokussiertes Interview |
Tiefeninterview |
rezeptives Interview |
| Offenheit | völlig |
weitgehend |
nur bedingt |
kaum |
völlig |
| Kommunikation | erzählend |
zielorientiert fragend |
Leitfaden |
fragend/ erzählend |
erzählend/ beobachtend |
| Prozeßhaftigkeit | gegeben |
gegeben |
nur bedingt |
gegeben |
gegeben |
| Flexibilität | hoch |
relativ hoch |
relativ gering |
relativ hoch |
hoch |
| Explikation | ja |
ja |
ja |
ja |
bedingt |
| Theoretische Voraussetzungen | relativ ohne |
Konzept vorhanden |
weitestgendes Konzpt |
Konzept vorhanden |
relativ ohne; nur Vorverständnis |
| Hypothesen | Generierung |
Generierung; Prüfung |
eher Prüfung; auch Generierung |
eher Prüfung; auch Generierung |
Generierung; Prüfung |
| Perspektive der Befragten | gegeben |
gegeben |
bedingt |
bedingt |
absolut |
Quelle: LAMNEK, 1995b, 91
Zusammengefaßt kann das qualitative Interview wie folgt charakterisiert werden:
"In dem, was Menschen sprechen und schreiben, drücken sich ihre Absichten, Einstellungen, Situationsdeutungen, ihr Wissen und ihre stillschweigenden Annahmen über die Umwelt aus. Diese Absichten, Einstellungen usw. sind dabei mitbestimmt durch das soziokulturelle System, dem die Sprecher und Schreiber angehören und spiegeln deshalb nicht nur die Persönlichkeitsmerkmale der Autoren, sondern auch Merkmale der sie umgebenden Gesellschaft wider..." (MAYNTZ, 1978) Im qualitativen Paradigma wird also nach den Bedeutungsinhalten von Gesprochenem und Geschriebenem gesucht, während im quantitativen Paradigma unter Inhaltsanalyse eher verstanden wird, "durch Auszählung einzelner Textelemente wie z.B. Wortarten, Satzteile, Satzkonstruktionen, spezielle Ausdrucksformen o.ä. die spezifische Qualität eines Textes (z.B. Gesprächsprotokolle, Zeitungsartikel, Leserbriefe, Comictexte etc.) zu bestimmen" (Bortz, 235).
Die Vorgehensweise gestaltet sich dabei wie folgt:
Wie bei anderen Methoden der Sozialforschung auch handelt es sich also um eine Weiterentwicklung alltagsweltlicher Vorgehens. Der Unterschied besteht nur darin, daß eine systematische Analyse von Material, das auf irgendeine Weise menschliches Verhalten oder soziales Handeln repräsentiert, durchgeführt wird, ergo wissenschaftlich vorgegangen wird. Die ersten großen wissenschaftlichen Studien wurden Anfang der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts durchgeführt (wenig überraschend: zur Analyse der Wirksamkeit propagandistischen Materials) (vgl. Lamnek 176). Seither wurden eine ganze Reihe von inhaltsanalytischen Techniken entwickelt, die mittlerweile in den unterschiedlichsten Wissenschaftszweigen zum Einsatz kommen:
Psychologie: emotionale und kognitive Zuständlichkeiten
Politikwissenschaft: Materialien aus dem politischen Diskurs
Pädagogik: Analyse didaktischer Hilfsmittel auf ihren pädagogischen Wert hin
Geschichtswissenschaft: Schriftstücke aus früheren Zeiten und Interviewprotokolle der "Oral-History" werden zur Analyse und Interpretation von geschichtlichen Ereignissen, Entwicklungen etc. herangezogen.
Soziologie: Regelmäßigkeiten des sozialen Lebens ergeben sich auch aus der Analyse von Geschriebenem und Gesprochenem. Beispielsweise können durch Analyse der Korrespondenz die unterschiedlichsten Rückschlüsse auf Bildung, soziales Umfeld (Milieu) etc. geschlossen werden.
Die Inhaltsanalyse ist also eine Methode, bei der Material auf kognitive bzw. emotionale Befindlichkeiten, Verhaltensweisen, Handlungen etc. hin ausgewertet wird, wobei diese Inhalte manifest (d.h. offen) zutage treten können oder aber latent sein können (nicht immer ist ein Bedeutungsinhalt eines Textes sofort ersichtlich; gerade hier ist der Forscher gefordert, hinter den, in der geschriebenen Sprache versteckten Bedeutungsinhalt zu gelangen). Diese Materialien liegen in reproduzierbarer Form (Texte, Bilder, Filme, Tonbänder etc.) vor und werden nicht extra für die Inhaltsanalyse produziert (quantitatives Paradigma: Nonreaktivität!!) bzw. in der abgeschwächten Form (qualitatives Paradigma): Es werden auch erst für die Inhaltsanalyse produzierte Dokumente herangezogen, sehr häufig z.B. zur Analyse von narrativen Interviews (vgl. ATTESLANDER, 1993, 224).
Dieser - wenn man so will - "Methodenstreit" stellt sich in der Geschichtsforschung kaum, da hier so gut wie immer auf Materialien zurückgegriffen werden muß, das nicht speziell für die Untersuchung erhoben wurde. Ab einem Zeitpunkt, wo es wegen der menschlichen Lebenserwartung immer unwahrscheinlicher wird, Zeitzeugen zu finden, die sich an geschichtliche Ereignisse erinnern können, ist es die einzige Möglichkeit, Materialien auszuwerten. Im Endeffekt enthält also jede Art von Geschichtsforschung, die nicht unter die Kategorie "Oral-History" fällt, inhaltsanalytische Elemente. Es versteht sich von selbst, daß ohne Systematisierung und objektive (soweit möglich) Analyse und Auswertung geschichtlicher Dokumente (gerade das sind ja Kennzeichen der Inhaltsanalyse), jegliche Geschichtsforschung unter "Popularwissenschaft" subsumiert werden kann.
Anders ist die Situation in der Soziologie. Hier kommt es sehr wohl darauf an, welche Position vertreten wird, wobei es aber nicht angebracht ist, zu dramatisieren. Unter dem Motto "der Zweck heiligt die Mittel" sollte vielmehr jene Position vertretbar sein, die dem Zweck der Untersuchung am ehesten entspricht.
Es wurden verschiedene Techniken entwickelt, sowohl für die quantitative als auch für die qualitative Inhaltsanalyse von Texten, Bildern und Filmen, die jedoch hierin jedoch nur namentlich erwähnt werden, da eine detaillierte Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde (vgl. LAMNEK, 1995a, 191ff):
Quantitative
Inhaltsanalyse:
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Die strukturelle Beschreibung nach Hermanns und die strukturale Rekonstruktion nach Bude stellen Verfahren dar, die der biographischen Methode zuzurechnen sind und sich dabei der qualitativen Inhaltsanalyse bedient. Die biographischen Methode soll abschließend dargestellt werden.
Eine Methode, die - wie bereits erwähnt - sowohl in der Geschichtsforschung als auch in der Soziologie sehr gerne angewendet wird, ist die biographische Methode, wobei dies strenggenommen weniger eine Methode als ein Konglomerat unterschiedlichster anwendbarer Techniken darstellt, die mit dem Ziel angewendet werden, Lebensläufe von Menschen zu rekonstruieren und zu interpretieren.Hinweis 2)
In der Geschichtsforschung stellen Tagebücher, Memoiren, Zeugnisse etc. oft die einzigen Dokumente dar, die zur Verfügung stehen, um eine realistisches Bild einer bestimmten Epoche nachzeichnen zu können, vor allem dann, wenn es sich um das Leben der sog. "kleinen Leute" handelt.
Der einzelne Lebenslauf wird dabei durch Auswertung von persönlichen Dokumenten nachvollzogen und in einen Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld gesetzt:
Die Rekonstruktion und Interpretation von Lebensläufen ist demnach von der Sichtweise beeinflußt, daß der Mensch ein soziales Wesen ist, geprägt durch die jeweilige Zeitperiode, in der er lebt(e). Bei dieser Methode sieht recht deutlich die Gemeinsamkeiten, die Historiker und Soziologen verbinden. So soll die biographische Methode "einen Zusammenhang zum sozialen Leben ermöglichen, der
Dadurch soll der Zugang zur sozialen Wirklichkeit erreicht werden. Mit Hilfe des wissenschaftlich kontrollierten Nachvollzugs der individuellen Lebensgeschichte wird versucht, ein allgemeines Handlungsmuster herauszufiltern, in der Folge eine Typenbildung aus sozialen Regelmäßigkeiten durchführen zu können.
Derzeit sind zwei Regelsysteme zu nennen (auf eine detaillierte Darstellung derselben muß leider aus verständlichen Gründen verzichtet werden):
Zentrales Element bei beiden Regelsystemen ist die Typenbildung, eine Voraussetzung, um die sozialen Gegebenheiten einer bestimmten Zeit oder eines regionalen, sozialen etc. Umfeldes überhaupt interpretieren zu können. Die individuelle Handlungsfigur (deren Lebenslauf alleine nachzuzeichnen kann dem Wissenschafter nicht genügen) wird also im sozialen und geschichtlichen Kontext gesehen. Voraussetzung dafür ist sowohl der sinnvolle Nachvollzug der in der sozialen Wirklichkeit gefundenen Phänomene (etwa eine retrospektiv erzählte Biographie), als auch die Systematisierung eines Handlungsmusters. Von Typisierung spricht man dann, wenn einzelne Aspekte eines gefundenen Phänomens sich als überindividuell herausstellt.
Mit den vier detailliert dargestellten Methoden qualitativer Forschung sollte klar geworden sein, daß diese Methoden sowohl in der Geschichtsforschung, als auch in der Soziologie ausgezeichnet angewendet werden können. Anders sieht es bei den quantitativen Methoden aus. Hierbei stellt sich vor allem in der Geschichtsforschung häufig das Problem, daß auf kein oder nur unzureichendes Datenmaterial zurückgegriffen werden kann. Viele der zahlreichen empirischen Methoden sind hier kaum oder gar nicht anwendbar, was eine starke Konzentration der Historiker auf einerseits Faktenreihung und andererseits qualitative Methoden schließen läßt. Umgekehrt erscheint es in der Soziologie noch immer an einem ausreichenden Verständnis für qualitative Methoden zu mangeln (vor allem im deutschsprachigen Raum). Das ist nicht zuletzt durch die leichte Handhabung von quantitativen Methoden begründet, als auch darin, daß Datenauswertung heute durch die fortschreitende Computertechnologie kein wirkliches Problem mehr darstellt. Insgesamt sollte aber die Vorteile beider Methoden genützt werden, um so eine seriöse Wissenschaft zu garantieren.
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2) Es wird im Rahmen dieser Arbeit nur
auf die wissenschaftliche Biographieforschung eingegangen.
Biographien, wie sie von Journalisten, Privatpersonen etc. verfaßt
werden, also literarische Studien werden demnach außer acht
gelassen. [zurück]
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