Vergleich der Methoden der Soziologie und der Geschichte |
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Johannes Mayr |
Oliver Meixner |
Michael Waidacher
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Wie in Teil I dieser Arbeit eingehend erläutert, beschäftigt sich die Geschichte mit der Vergangenheit, also mit Entscheidungen, die in der Vergangenheit gefallen sind, mit abgeschlossenen Entwicklungen bzw. mit abgestorbenen Strukturformen (vgl. SCHIEDER, 1972, 283). "Diese Vergangenheit ist naturgemäß in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr zugänglich" (PETER und SCHRÖDER, 1994, 41). Aufgabe des Historikers ist es nun, unter Heranziehung sämtlicher zur Verfügung stehender Texte, Gegenstände oder Tatsachen, zu versuchen, diese Vergangenheit zu rekonstruieren (ebenda).
Im Gegensatz dazu beschäftigt sich die Soziologie überwiegend mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozessen und Gebilden. Die Soziologie ist also viel mehr gegenwartsbezogen (vgl. SCHIEDER, 1972, 283).
Gemeinsam ist beiden Wissenschaftsdisziplinen, daß sie sich mit dem Menschen und dessen Zusammenleben mit der Umwelt beschäftigen, dieser sich jedoch in einem unterschiedlichen Aggregationsstand befindet (vgl. SCHIEDER, 1972, 284). Während sich das Geschehen in der Gegenwart noch nicht so verfestigt hat also in der Zukunft noch abänderbar ist , sieht sich der Geschichtsforscher mit einer gewissen Objektgebundenheit konfrontiert. Niemals kann er diese Geschichte in ihren Daten und Fakten verändern (vgl. SCHIEDER, 1972, 285f).
Unter diesem Gesichtspunkt soll in diesem Abschnitt untersucht werden, ob und inwieweit sich die Methoden der Datengewinnung der Soziologie auch für eine Anwendung in der Geschichtsforschung eignen.
Unter Methoden versteht man grundsätzlich ein "spezielles System von Regeln, das die Tätigkeit bei der Erlangung neuer Erkenntnisse und der praktischen Umgestaltung der Wirklichkeit organisiert ..." (BÖNISCH, 1970, 21; zit. nach FRIEDRICHS, 1985, 189).
Im Anschluß soll auf diese einzelnen Methoden näher eingegangen werden. Dabei werden diese allgemein vorgestellt und es wird ihre Anwendbarkeit in der Soziologie und auch in der Geschichtsforschung behandelt.
Unter dem Begriff "Befragung" werden mehrere Datenerhebungsmethoden zusammengefaßt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, daß die Auskunftsperson durch verbale oder andere Stimuli (schriftliche Fragen, Bilder usw.) zu Aussagen über den zu untersuchenden Erhebungsgegenstand veranlaßt werden soll (vgl. BÖHLER, 1992, 77).
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen mündlicher und schriftlicher Befragung. Während die schriftliche Befragung stets standardisiert durchgeführt werden muß, können wir bei der mündlichen Erhebung zwischen der standardisierten (Interview) und der nicht standardisierten Befragung (Intensivinterview und Gruppendiskussion) unterscheiden (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 208ff).
Abbildung 1: Formen der Befragung

Die nicht-standardisierte Befragung zeichnet sich dadurch aus, daß weder die Fragenanordnung noch die Frageformulierung genau vorgegeben wird. Die Befragung wird nur anhand eines grob strukturierten Schemas einem Leitfaden, der eine Liste von Themen und Fragenvorschlägen enthält, die vom Interviewer im Verlauf des Gespräches behandelt werden sollen (vgl. FUCHS-HEINRITZ, 1994, 317) geführt.
Der Interviewer hat somit die Möglichkeit, stärker auf die Untersuchungsperson und deren Antworten einzugehen. Auch dem Befragten bleibt mehr Freiheit bei der Beantwortung der Fragen (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 224). Die nicht-standardisierte Befragung läßt somit einen größeren Spielraum für die Interaktion zwischen Interviewer und Befragtem zu (vgl. FUCHS-HEINRITZ, 1994, 317).
Grundsätzlich kann man das Intensivinterview (auch Tiefen- oder qualitatives Interview) und die Gruppendiskussion zu dieser Erhebungsmethode zählen, welche der qualitativen Forschung zugeordnet werden kann.
Siehe Kapitel 8.2: Das qualitative Interview
Die Gruppendiskussion ist eine Methode, bei der eine vom Forscher zusammengesetzte Gruppe von Personen unter Leitung eines Diskussionsleiters zu einem vorgegebenen Thema diskutiert. Um diese Diskussion auszulösen wird meist ein sogenannter "Grundreiz" vorgegeben, ansonsten wird vom Diskussionsleiter nur lenkend in diesen Prozeß eingegriffen (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 246).
Diese Erhebungsmethode eignet sich vor allem dazu, einen ersten Überblick über Art, Ausmaß und Verteilung der Meinungen zu erhalten. Weiters können durch den Diskussionsleiter spontane Reaktionen provoziert werden, wodurch auch tiefsitzendere Meinungen hervorgebracht werden können. Generell kann bei einer Gruppendiskussion der Prozeß der Meinungsbildung bei den Teilnehmern beobachtet werden (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 246).
Die Erhebung mittels Gruppendiskussion ist jedoch auch mit einigen Nachteilen bzw. Schwierigkeiten verbunden. So können zwischen den Teilnehmern soziale und auch sprachliche Barrieren auftreten, die dann in der Folge meist dazu führen, daß sich einzelne Gruppenmitglieder nicht aktiv an der Diskussion beteiligen, also als sogenannte "Schweiger" auftreten.
Auch wenn der Diskussionsleiter nur lenkend in den Prozeß eingreift, so übt er alleine schon durch seine Anwesenheit einen gewissen Einfluß auf die Ergebnisse aus. Weiters ist anzumerken, daß bei der Gruppendiskussion ein gewisses "Auswertungsproblem" besteht. Darunter ist zu verstehen, daß sich die Auswertung immer nur auf die Gruppe bzw. den Gruppenprozeß beziehen kann, Rückschlüsse auf einzelne Teilnehmer jedoch nur beschränkt möglich sind (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 246f)
Die Gruppendiskussion wird in der Soziologie dann angewendet, wenn nicht die Verteilung individueller Meinungen, sondern die Effekte von Gruppenprozessen auf die individuelle Meinungsbildung untersucht werden sollen (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 247). Es geht dabei also um den Meinungsbildungsprozeß.
Diese Methode eignen sich nicht besonders gut, um statistisch repräsentative Ergebnisse zu erhalten (vgl. MANGOLD, 1960, 20; zit. nach FRIEDRICHS, 1985, 247), und kann eher als "explorative Methode" bezeichnet werden, die eine quantitative Untersuchung vorbereiten bzw. ergänzen kann (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 248).
Auch diese Methode läßt sich, wie bereits oben behandelt, nur für ein Teilgebiet der Geschichte, der Zeitgeschichte anwenden. Auch hier muß die Voraussetzung des Vorhandenseins von Zeitzeugen gegeben sein.
Da der Prozeß, an dem der Befragte mitwirkte, bereits abgeschlossen, historisch geworden ist, spielt die Erinnerung eine besondere Bedeutung bei der Untersuchung (vgl. SCHIEDER, 1972, 288).
Gerade bei einer Gruppendiskussion, bei der alle Teilnehmer den zu untersuchenden Tatbestand, wenn auch aus verschiedenen "Positionen" miterlebt haben, würden sich im Rahmen eines solchen Gespräches möglicherweise die Erinnerungen "auffrischen". Zielsetzung einer solchen Gruppendiskussion wäre es zwar dann nicht mehr wie in der Soziologie Gruppenprozesse und Meinungsbildung zu untersuchen, sondern gemeinsam geschichtliche Fakten zu rekonstruieren.
Zur standardisierten Befragung zählen das mündliche Interview und die schriftliche Befragung. Beiden Methoden liegt ein strukturierter und standardisierter Fragebogen zugrunde. D.h., daß einerseits das Thema und die Frageanordnung im Kontakt zwischen den Interviewpartnern genau vorgegeben sein müssen (Strukturierung), andererseits auch die genauen Frageformulierungen festgelegt sind (Standardisierung) (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 207f).
Ziel dieser Erhebungsmethode ist es also, alle Einzelheiten des Frage- und Reaktionsverhalten der Interviewer genau festzulegen, um eine maximale Vergleichbarkeit der Daten, die von verschiedenen Interviewern erhoben wurden, zu gewährleisten (vgl. FUCHS-HEINRITZ, 1994, 317). Die standardisierte Befragung kann der quantitativen Forschung zugeordnet werden. Auf die einzelnen Arten von Fragen und die Erstellung eines Fragebogens soll hier nicht näher eingegangen werden. Die Autoren verweisen hier auf die Abhandlung bei Friedrichs (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 192ff).
Das Interview ist eine Methode, "bei der ein geschulter Interviewer (Versuchsleiter) im direkten Kontakt mit einem zu Interviewenden (Versuchsperson) mündliche Fragen stellt, um in kontrollierter Weise Informationen zu gewinnen" (FUCHS-HEINRITZ, 1994, 316).
Wesentlich für diese Methode ist also der direkte Kontakt zwischen dem Interviewer und dem Interviewpartner, was ermöglicht, auch non-verbale Reaktionen festzuhalten.
Diese Methode liefert relativ leicht eine große Anzahl von Informationen. Dadurch daß die mündliche standardisierte Befragung vom direkten Kontakt zwischen den Interaktionspartnern gekennzeichnet ist, wodurch auch eine Erklärung der Fragen möglich wird, können hier sehr hohe Rücklaufquoten bzw. Quoten der Antwortbereitschaft erzielt werden.
Aber dieser direkte Kontakt kann auch mit erheblichen Problemen verbunden sein. Durch die große Anzahl der notwendigen geschulten Interviewer, welche neben einem hohen zeitlichen vor allem auch einen großen finanziellen Aufwand verursachen, finden die Interviews nicht nur in sehr unterschiedlichen Befragungssituationen in unterschiedlichen Umfeldern statt, jeder Interviewer wird auch seine Untersuchungspersonen auf irgendeine Weise beeinflussen. Je mehr Befrager nun eingesetzt werden, desto unterschiedlicher und unkontrollierbarer werden diese Interviewereinflüsse (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 208ff).
Ein weiteres Problem liegt darin, daß das Antwortverhalten der Untersuchungspersonen nicht unbedingt ihrer tatsächlichen Meinung entsprechen muß, sondern so antworten, wie sie glauben, daß es der Interviewer gerne hätte (= soziale Erwünschtheit).
Bei der schriftlichen Befragung wird der Fragebogen der Untersuchungsperson übermittelt (übergeben, zugesandt), von dieser ausgefüllt und an den Absender zurückgesandt (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 236). Entscheidend ist bei dieser Methode, daß während der Beantwortung der Fragen kein direkter Einfluß bzw. Kontakt zwischen dem Forscher und der Untersuchungsperson besteht. Dies ermöglicht der Untersuchungsperson, sich die Antworten genau zu überlegen, verhindert jedoch wiederum spontane Reaktionen.
Die schriftliche Befragung eignet sich vor allem dazu, mit einem relativ geringen Zeit- bzw. Kostenaufwand eine relativ hohe Kontaktzahl zu erzielen. Dadurch wird auch eine geographische Streuung der Untersuchung möglich (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 237). Gegen diese Untersuchungsmethode spricht die Tatsache, daß meist eine nur sehr geringe Rücklaufquote erzielt wird. Dies kann zum Teil darauf zurückgeführt werden, daß durch den mangelnden Kontakt zwischen Interviewer und Untersuchungsperson keinerlei Erläuterungen möglich sind, die Erhebungssituation nicht erfaßbar ist und auch nicht festgestellt werden kann, warum ein Fragebogen nicht beantwortet wird (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 237). Selbst wenn der Fragebogen zurückgeschickt wurde, läßt sich nicht feststellen, ob nun wirklich der Adressat oder jemand anderer die Antworten gegeben hat.
"Das Interview ist die am häufigsten verwendete Methode in der Soziologie" (FRIEDRICHS, 1985, 207). Anwendung findet es vor allem dort, wo von einer großen Anzahl von Personen deren Wahrnehmung und Interpretation von Sachverhalten untersucht werden soll (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 208). Die sozialwissenschaftliche Befragung zielt also auf "die Ermittlung des Verhaltens zu einem noch andauernden Vorgang" (SCHIEDER, 1972, 288) indem sich die Untersuchungsperson gerade selbst befindet. Die schriftliche Befragung wird vor allem dann angewendet, wenn keine andere als die Befragung die notwendigen Informationen erbringen könnte, aus Zeit- und Kostengründen jedoch die Durchführung von Interviews nicht gerechtfertigt erscheint (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 237).
Da sich die Befragung an lebende Menschen richtet, ist ihre Einsatzmöglichkeit in der Geschichte nur beschränkt möglich. Aus diesem Grund kann die Geschichtswissenschaft nur dann auf diese Methode zurückgreifen, wenn es sich um zeitgeschichtliche Forschung handelt, es also noch lebende Mitwirkende des zu untersuchenden historischen Vorganges gibt (vgl. SCHIEDER, 1972, 287). Da es sich in der Geschichte um bereits abgeschlossene Prozesse handelt, ist selbst diese begrenzte Einsatzmöglichkeit des Interviews mit Fehlerquellen verbunden. Es sind dies "alle Formen von bewußter und unbewußter Erinnerungstrübung" (SCHIEDER, 1972, 288). Außerdem neigen die Untersuchungspersonen dazu, die Handlungen der Vergangenheit im Nachhinein zu erklären und zu rechtfertigen, während damals ganz andere Motive ausschlaggebend sein konnten (vgl. SCHIEDER, 1972, 288).
Wenn man das Beispiel mit der Fragestellung "Gab es auch Widerstand unter Häftlingen in den Konzentrationslagern" weiterführt, so könnte man nun diese Methode mündliches Interview oder schriftliche Befragung sehr wohl einsetzen, um die durch die qualitativen Befragungsmethoden gewonnenen Hypothesen zu überprüfen. Die standardisierte Befragung läßt sich also wenn auch nur eingeschränkt auch in der Geschichtsforschung anwenden.
Unter Beobachtung versteht man ganz allgemein, die zielgerichtete und planmäßige Erfassung von sinnlich wahrnehmbaren Sachverhalten im Augenblick ihres Auftretens durch andere Personen und/oder Geräte (vgl. BEREKOVEN et al., 1991, 118).
Unter Beobachtung versteht man ganz allgemein, die gezielte Wahrnehmung von Sachverhalten und Vorgängen (vgl. FUCHS-HEINRITZ, 1994, 87). Grundsätzlich läßt sich unterscheiden in (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 272f):
a) offene verdeckte Beobachtung:
Inwieweit ist also der Beobachter bzw. die
Beobachtungssituation als solche erkennbar.
b) teilnehmende nicht teilnehmende Beobachtung:
Nimmt der Beobachter an der Interaktion direkt teil?
c) systematische unsystematische Beobachtung:
Liegt der Beobachtung ein standardisiertes Schema zugrunde (z.B.
Kundenlaufstudie)?
d) natürliche künstliche Beobachtung:
In welcher Situation wird die Beobachtung durchgeführt. Vor
allem bei künstlichen Situationen nähert sich die Beobachtung
sehr dem Experiment.
e) Selbst- oder Fremdbeobachtung:
Von wem wird die Beobachtung durchgeführt.
f) direkte indirekte Beobachtung:
Diese Unterscheidung bezieht sich auf die Möglichkeit des
Forschers, "die Entstehung der Daten für seine Untersuchung
zu kontrollieren. Im Falle der direkten Beobachtung (z.B.
Interview, Experiment, Feldbeobachtung) ist der Forscher an der
Herstellung des Datenmaterials aktiv beteiligt, im Falle der
indirekten Beobachtung wertet er unabhängig von seinem
Forschungsziel entstandene Materialien (Dokumente, Berichte,
Biographien, Kulturprodukte etc.) aus" (FUCHS-HEINRITZ, 1994,
87). Im Falle der indirekten Beobachtung handelt es sich also um
reine Sekundärforschung.
Hier soll nach der Entstehung des Datenmaterials unterschieden werden. In der Folge soll unterteilt werden in direkte Beobachtung (teilnehmende Beobachtung bzw. nicht-teilnehende Beobachtung) und in indirekte Beobachtung (non-reaktive Verfahren).
Bei der direkten Beobachtung können wir unterscheiden zwischen der teilnehmenden und der nicht-teilnehmenden Beobachtung.
"Die teilnehmende Beobachtung ist die geplante Wahrnehmung, des Verhaltens von Personen in ihrer natürlichen Umgebung durch einen Beobachter der an den Interaktionen teilnimmt und von den anderen Personen als Teil ihres Handlungsfeldes angesehen wird" (FRIEDRICHS, 1985, 288).
Bei der teilnehmenden Beobachtung läßt sich weiters unterscheiden, ob der Beobachter aktiv am Geschehen teilnimmt (z.B. bei Testkäufen) oder ob er das Geschehen aus einer passiven Rolle verfolgt (vgl. WEIS und STEINMETZ, 1991, 100).
Bei jeder teilnehmenden Beobachtung ergibt sich die Schwierigkeit, daß ein sogenannter "Beobachtungseffekt" auftreten kann. Darunter versteht man die Tatsache, daß Untersuchungspersonen gerne dazu neigen, ihr Verhalten zu verändern, wenn sie bemerken bzw. wissen, daß sie sich in einer Beobachtungssituation befinden (vgl. BEREKOVEN et al., 1991, 119).
Die nicht-teilnehmende Beobachtung unterscheidet sich von der teilnehmenden Beobachtung nur dadurch, daß der Beobachter selbst an der Interaktion nicht teilnimmt und als solcher auch nicht erkennbar ist.
Die Beobachtung sowohl teilnehmende aus auch nicht-teilnehmende wird in der Soziologie angewendet, um Personen in ihrer natürlichen oder quasi-natürlichen Umgebung zu erforschen. Sie ist vor allem dann erforderlich, wenn komplexe Interaktionen ermittelt werden sollen, die von den einzelnen Akteuren entweder nicht wahrgenommen oder nicht zuverlässig berichtet werden können. Die Beobachtung ist vor allem dann unersetzbar, wenn verbale Auskünfte nicht möglich sind (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 174).
Da es sich in der Geschichte, wie bereits oben behandelt, immer um bereits vergangene Prozesse handelt, d.h. um Prozesse, die einen zeitlichen Anfang und ein zeitliches Ende haben (vgl. SCHIEDER, 1972, 285), liegt es auf der Hand, daß weder eine teilnehmende noch eine nicht-teilnehmende Beobachtung in der Geschichte anwendbar ist, da sich der historische Verlauf in keiner seiner Phasen reproduzieren läßt (vgl. SCHIEDER, 1972, 294).
Alle Formen der direkten Beobachtung können somit in der Geschichte nicht angewendet werden.
Wie bereits oben behandelt, zeichnet sich die indirekte Beobachtung dadurch aus, daß der Forscher keinerlei Einfluß auf die Entstehung des Datenmaterials hat. Unter non-reaktiven Verfahren versteht man eine Vielzahl von empirischen Untersuchungen mit sehr unterschiedlichen Verfahren, deren gemeinsames Kennzeichen es ist, daß der Forscher niemals in Kontakt mit den Untersuchungspersonen tritt (vgl. WEBB et al., 1966, s.p.; zit. nach FRIEDRICHS, 1985, 309).
"Der Grundgedanke der Verfahren und gleichermaßen ihre Voraussetzung ist, daß einzelne und Kollektive in ihrem Verhalten ... Spuren hinterlassen, Dokumente verfassen, ..., die zu Rückschlüssen über ihr Verhalten dienen können, also Indikatoren sozialer Prozesse sind" (FRIEDRICHS, 1985, 310). Diese Methode ist somit der indirekten Beobachtung zuzuordnen. Ziel solcher Methoden ist es, daß in der Situation des Erhebungsprozesses bei den untersuchten Objekten keine Abweichung von den unter alltäglichen Bedingungen ablaufenden Interaktionen ausgelöst werden sollen (vgl. ALBRECHT, 1972, 244).
Diese Spuren können unter anderem sein:
Aus dieser Aufzählung wird bereits ersichtlich, daß viele dieser Erhebungsvarianten den Methoden Beobachtung, Inhaltsanalyse und Sekundäranalyse zuzurechnen sind (vgl. FRIEDRICHS, 1985, 311) (Siehe auch 8.3: Inhaltsanalyse und 8.4: Biographische Methode).