Vergleich der Methoden der Soziologie und der Geschichte |
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Johannes Mayr |
Oliver Meixner |
Michael Waidacher
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Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Vergleich der Methoden der Soziologie mit den Methoden der Geschichte anzustellen, wobei schwerpunktmäßig auf jene Methoden eingegangen werden soll, die sowohl in der Soziologie als auch in der Geschichte von Bedeutung sind.
Bevor jedoch die einzelnen Methoden im Detail durchgesprochen werden, werden im Kapitel 2 die wichtigsten allgemeinen Aspekte der Soziologie und der Geschichte gegenübergestellt. Speziell wird dabei auf den Forschungsgegenstand, die verwendeten Quellen sowie die wichtigsten wissenschaftstheoretische Ansätze eingegangen.
Im Kapitel 3 erfolgt schließlich der eigentliche Vergleich der Methoden der Geschichte mit den Methoden der Soziologie.
Vergleicht man den Forschungsgegenstand von Soziologie und Geschichte, so wird man rasch feststellen, daß trotz recht unterschiedlicher Betonungen das grundlegende Arbeitsfeld der Wissenschaften das gleiche ist, nämlich "die vom Menschen geschaffenen sozialen Gebilde, in denen und durch die sich menschliches Leben vollzieht" (SCHIEDER, 1972, 283). Eine Abgrenzung durch Betrachtung des Forschungsgegenstandes erscheint daher nicht zielführend.
Tabelle 1: Soziologie und Geschichte ein erster Vergleich
Soziologie |
Geschichte |
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| Forschungsgegenstand | ...die vom Menschen geschaffenen sozialen Gebilde, in denen und durch die sich menschliches Handeln vollzieht | ||
| Betrachtungszeitraum | gegenwartsorientiert | vergangenheitsorientiert | |
| Zentraler Aspekt | Gesellschaft | Vergangenheit | |
| Verwendete Quellen |
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| Zweigwissenschaften (Beispiele) | |||
Läßt man dagegen auch den Zeitaspekt in den Vergleich einfließen, so werden rasch wesentliche Unterschiede deutlich: Obwohl die Sozialwissenschaften auch vergangene und untergegangene soziale Strukturen in ihre Betrachtungen einbeziehen, haben sie doch überwiegend gegenwärtige gesellschaftliche Gebilde zum Gegenstand ihrer Forschungen. Die Geschichtswissenschaften hingegen haben es nur mit Vergangenem zu tun, also mit Entscheidungen, die in der Vergangenheit gefallen sind, mit abgeschlossenen Entwicklungen und abgestorbenen Strukturen (vgl. WEHLER, 1972, 63).
Hinsichtlich der verwendeten Quellen gilt ähnliches wie für den Forschungsgegenstand. Grundsätzlich wird in Soziologie und Geschichte auf die gleichen Quellen zurückgegriffen, nämlich Menschen und deren Einstellungen und Verhalten bzw. Ergebnisse menschlichen Verhaltens. Dennoch ergeben sich durch die unterschiedliche zeitliche Orientierung der beiden Wissenschaften bedeutende Unterschiede in der Verfügbarkeit bzw. Nutzung der diversen Quellen:
Ohne noch näher auf die in den folgenden Kapiteln behandelten Fragen der Methodologie und angewandten Methoden eingegangen zu sein, läßt sich dennoch festhalten, daß Soziologie und Geschichte grundsätzlich den gleichen Arbeitsbereich zum Forschungsgegenstand haben, der jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird. Während die Geschichte vergangene soziale Gebilde betrachtet und die Veränderung im Zeitablauf speziell im Auge hat, konzentriert sich die Soziologie auf eine gegenwartsbezogene Analyse sozialer Gebilde.
Bevor in den folgenden Kapiteln die wissenschaftstheoretischen Positionen der Soziologie und Geschichte näher beleuchtet werden, werden in diesem Abschnitt kurz die wichtigsten wissenschaftstheoretischen Grundlagen und -positionen allgemein dargestellt. Ziel dieser Darstellung ist die Vermittlung der notwendigen Grundlagen für eine Gegenüberstellung der wissenschaftstheoretischen Ansätze in Soziologie und Geschichte.
Methodologie:
"Bei der Induktion handelt es sich um eine wissenschaftliche Methode, die vom besonderen Einzelfall auf das Allgemeine, Gesetzmäßige schließt, also vereinfacht gesagt um eine Verallgemeinerung" (WALTER, 1994, 31). Die Induktion ist eine wissenschaftliche Methode zur Entwicklung von Theorien, die im wesentlichen darauf beruht, daß sich der Forscher seinem Untersuchungsgegenstand möglichst ohne vorgefaßte theoretische Vorstellungen und Konzeptionen nähert. Durch beschreibende Darstellung empirischer Tatbestände soll "den Konzeptionen und Hypothesen Gelegenheit gegeben werden, von sich selbst aufzutreten" (GLASER et al., 1967, 12). Nach einer bestimmten Anzahl gleichartiger Erfahrungen scheint eine bestimmte Hypothese immer wahrscheinlicher zu werden, es bildet sich eine Erwartung zukünftiger Ereignisse heraus, die den bisher gemachten Erfahrungen entsprechen (vgl. SCHULZ, 1989, 48). Insbesondere in der sozialwissenschaftlichen Literatur ist dieser Ansatz jedoch keineswegs unumstritten. Die grundsätzliche Bedeutung des induktives Schlusses im Rahmen der Hypothesenentwicklung ist allerdings weitgehend anerkannt. Dabei ist davon auszugehen, daß mit Hilfe der Induktion zwar keine allgemeingültigen Theorien erschlossen werden können, daß sie aber häufig Anlaß zu weiterführenden theoretischen Überlegungen ist, die sich bei empirischer Bewährung zu neuen Theorien ausbauen lassen (vgl. BORTZ und DÖPRING, 1984, 222 f).
"Geht man von einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit aus und leitet von ihr das Besondere und Einzelne ab, so handelt es sich um einen deduktiven Schluß" (WALTER, 1994, 32). In der Regel arbeiten die sogenannten exakten Wissenschaften wie die Physik oder Mathematik mit deduktiven Schlüssen, d.h. logischen Ableitungen (Beweisen) einer Gesetzmäßigkeit. Viele Autoren lehnen jedoch die Anwendung dieses Prinzips für den Bereich der Geisteswissenschaften, und damit auch in der Geschichtswissenschaft, ab. Sie vertreten die Meinung, daß sich gerade historische Prozesse nicht logisch vernetzen lassen, da diese durch eine Vielzahl von Variablen in nicht mehr berechenbarer Menge sowie durch Irrationalismen (Zufälligkeiten, Zwänge, Subjektivismen etc.) geprägt sind. Daraus ergibt sich eine Infragestellung der logischen Ableitbarkeit aus einer unrichtigerweise als Theorie angenommenen Gesetzmäßigkeit. Insgesamt gilt die Deduktion für den Bereich der Naturwissenschaften als die vorherrschende Methode; im Bereich der Geisteswissenschaften gilt sie als umstritten, aber auch ihre Kritiker anerkennen den Beitrag, den die Deduktion zur gedanklichen Strukturierung von Problemen, auch im geisteswissenschaftlichen Bereich, erbringen kann (vgl. WALTER, 1994, 32).
Die Hermeneutik ist eine Lehre zur Interpretation von Kommunikationsinhalten. Im Gegensatz zur positivistischen Methodologie geht es der Hermeneutik um die Erfassung des gemeinten Sinnes (Interpretation von Inhalten) nach den Intentionen des Kommunikators. Die Hermeneutik versucht insbesondere, einen Text und seine Bedeutung auf der Basis der Zeit, in der dieser Text entstanden ist, zu verstehen. Damit werden die Situation des Entstehens, die Motivation und Interpretation des Verfassers in die Analyse miteinbezogen. Durch systematisch-wissenschaftliches Vorgehen geht die Hermeneutik allerdings über das alltägliche, intuitive Sprachverstehen hinaus (vlg. REINHOLD, 1992, 232 f).
Der Historismus bezeichnet eine wissenschaftstheoretische Position, die davon ausgeht, daß es nicht möglich ist, aus der Geschichte ahistorische Gesetzmäßigkeiten, im Sinne von räumlich und zeitlich uneingeschränkt geltenden nomologischen Aussagen abzuleiten. Vielmehr ist es notwendig, der Individualität der einzelnen Situationen, Verhaltensweisen und Handelnden Rechnung zu tragen, da diese alle als zeitbezogen angesehen werden können. Daher kommt es darauf an, gerade in der Einzigartigkeit das Wesen der Dinge zu entdecken und mit der Methode der Hermeneutik zu erschließen.
"Unter Posititivmus versteht man einen Denk- und Erkenntnisstil, der von der fundamentalen Vorrangigkeit des unmittelbar Gegebenen, des Beobachtbaren, ausgeht. Erkenntnis ist identisch mit Erfahrungserkenntnis, und diese beruht auf der ständigen Unterordnung der Einbildungskraft unter die Beobachtung" (REINHOLD, 1992, 452). Der Positivismus beschränkt sich also auf Erkenntnisse, denen Beobachtungen zu Grunde liegen. Ziel ist es also, zu beobachten statt zu argumentieren. Damit diese Beobachtungen nicht in zahllose unzusammenhängende Einzelerkenntnisse ausarten, gilt es die beobachteten Erscheinungen mit Hilfe von Gesetzen zu ordnen. Damit kann das Ziel wissenschaftlicher Tätigkeit im Sinne des Positivismus festgelegt werden: Ziel positivistischer Wissenschaftsauslegung ist es, erklärende und prognostizierende Gesetze zu entdecken und diese an der Realität erneut zu überprüfen.
Der kritische Rationalismus wurde von Karl POPPER begründet und ist eine wissenschaftstheoretische Position, die von einer grundlegenden Skepsis gegenüber als absolut behaupteten Wahrheiten (wie z.B. religiösen Heilslehren oder politischen Doktrinen) ausgeht. Sie erkennt Aussagen über die Realität nur dann als sinnvoll an, wenn diese so formuliert sind, daß sie prinzipiell durch die Erfahrung widerlegt werden können, was die Forderung nach intersubjektiver Überprüfbarkeit und Wertfreiheit einschließt. Der kritische Rationalismus ist eine Weiterentwicklung des klassischen Rationalismus.
Der kritische Rationalismus geht davon aus, daß deduktiv gewonnene Aussagen über die Realität (Hypothesen) einer empirisch-kritischen Prüfung an der Realität als oberste Prüfinstanz zu folgen hat. Hält die Hypothese dieser Überprüfung nicht stand, so gilt sie als falsifiziert. Im anderen Fall gelten die Aussagen als vorläufig bestätigt, eine endgültige Bestätigung (Verifikation) ist jedoch nicht möglich.
Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist die auf WINDELBAND (1894 zitiert in: DREITZEL, 1972, 41) zurückgehende Unterscheidung zwischen nomothetischen und idiographischen Wissenschaften. Der Unterschied ist in der Zielsetzung der Wissenschaft zu sehen. Während das wichtigste Ziel einer nomothetisch verstandener Wissenschaft die Auffindung und Formulierung von allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten ist (was die Existenz solcher Gesetzmäßigkeiten voraussetzt), liegt das Wesen der idiographischen Wissenschaft in der beschreibenden Untersuchung des Inidividuellen, Einmaligen und Besonderen. Das idiographische Vorgehen versucht Erscheinungen nicht kausal zu erklären, sondern zielt auf die Interpretation von Erscheinungen mit Hilfe von Intentionen (Absichten) und Motiven sowie Zielen und Zwecken ab. Allgemein werden das nomothetische oder nomologische Vorgehen den Naturwissenschaften und der idiographische Ansatz den Kultur- oder Geisteswissenschaften zugeordnet (vgl. LAMNEK, 1995a, 221f).
Vertreter des Holismus befürworten die Aussage, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Sie lehnen die Reduktion eines Untersuchungsgegenstandes auf einzelne Eigenschaften oder Variablen ab und versuchen stets ein Phänomen als Ganzes zu sehen und zu erklären. Dieser Ansatz entspricht somit eher dem qualitativen Forschungsansatz, während im Rahmen der quantitativen Forschung eher partikularisch oder atomistisch vorgegangen wird (vgl. REINHOLD, 1992, 239f).
Die in den vorangegangen Punkten beschriebenen Aspekte der Methodologie lassen sich in zwei idealtypische Wissenschaftsparadigmen zusammenfassen, die durch folgende Charakteristika geprägt sind:
Tabelle 2: Naturwissenschaftliches und geisteswissenschaftliches Paradigma
Naturwissenschaftliches Paradigma |
Geisteswissenschaftliches Paradigma |
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positivistische Wissenschaftsauffassung |
hermeneutische Wissenschaftsauffassung |
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Zielsetzung: |
Zielsetzung: Interpretation ð VERSTEHEN |
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Deduktion |
Induktion |
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antiholistisch |
holistisch |
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objektiv |
subjektiv |
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ahistorisch |
historisch |
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quantitative Orientierung (Teil II) |
qualitative Orientierung (Teil III) |
Wie der Name schon sagt, handelt es sich beim naturwissenschaftlichen Paradigma um eine Wissenschaftsauffassung, die ihren Ursprung in den Naturwissenschaften hat. Dieses Paradigma ist durch eine positivistische Wissenschaftsauffassung gekennzeichnet und geht davon aus, daß es zentrale Aufgabe der Wissenschaft ist, erklärende und prognostizierende Gesetze (Theorien) für das Gegebene zu finden, die unabhängig von räumlichen und zeitlichen Einflüssen Gültigkeit haben (ahistorisch). Die Deduktion gilt als vorherrschende Methode der Theoriebildung, wobei POPPER (REINHOLD, 1992, 339) sogar soweit geht, daß er von der einzig wissenschaftlichen Methode spricht. Weitere typische Merkmale sind ein antiholistischer partikularischer und objektiver Denk- und Erkenntnisstil, der dem Individuellen und Einzigartigen wenig Beachtung schenkt. Typisch ist auch die starke Orientierung an quantitativen Methoden.
Im Gegensatz dazu orientiert sich das geisteswissenschaftliches Paradigma stark am hermeneutischen Wissenschaftsverständnis. Dementsprechend steht dieses Erkenntnisprinzip für ein idiographisch holistisches Vorgehen, das sehr wohl Rücksicht auf subjektive Faktoren nimmt und daher die Induktion als das wichtigste Mittel der Theoriebildung ansieht. Ebenso überwiegen die qualitativen Forschungsmethoden.
Eine eindeutige Zuordnung der in der dieser Arbeit betrachteten Wissenschaften zu einem der beiden idealtypischen Paradigmen, ist nicht möglich. Allerdings kann davon ausgegangen werden, daß sich die Mehrzahl der Soziologen am naturwissenschaftlichen Paradigma orientieren und die Geschichtswissenschafter eher zu der beschrieben geisteswissenschaftlichen Auffassung tendieren.
Ohne an dieser Stelle eine vollständige Darstellung der verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ansätze geben zu können, soll in sehr kurzer Form einige der wichtigsten wissenschafstheoretischen Ansätze der Soziologie vorgestellt werden.
An erster Stelle ist in diesem Zusammenhang sicherlich Auguste COMTE (1789-1857) zu nennen, der als erster durch seinen Entwurf einer Systematik der Wissenschaften und der Einordnung der Soziologie in diese, als der Begründer der Soziologie gilt (vgl. MIKL-HORKE, 1992, 15ff). Gleichzeitig gilt COMTE auch als Begründer des Positivismus und der positiven Philosophie, deren Aufgabe es ist, Erklärungen für das Gegebene zu leisten. Der Positivismus löste damit die im 18. Jahrhundert vorherrschende kritische Philosophie ab, die in erste Linie auf Ablehnung und Veränderung des Bestehenden gegründet war (vgl. MIKL-HORKE, 1992, S.14).
Eine Weiterentwicklung des Positivismus im Sinne COMTEs war der sogenannte Neopositivismus. Die Vertreter des Neopositivimus (auch Wiener Kreis genannt) traten ab den späten 1920er Jahren sehr kämpferisch für ihre Ziele ein, die in erster Linie darin bestanden, eine Einheitswissenschaft zu entwicklen. Inhaltlich läßt sich der Neopositivismus als extreme Form des Positivismus charakterisieren, der sehr stark durch die Dominanz der wissenschaftlich technischen Dimension geprägt ist und in dem religiös metaphysische Dimensionen keinen Platz haben (vgl. REINHOLD, 1992, 454f).
Viel stärker im Einflußbereich der hermeneutischen Methode ist hingegen Max WEBERs Ansatz der verstehenden Soziologie (vgl. SCHIEDER, 1972, 295). Nach WEBER besteht das Ziel der Wissenschaft darin, die Ursache zu erklären, warum soziales Handeln einen bestimmten Verlauf hat und warum soziales Handeln eine bestimmte Wirkung hervorruft (vgl. MIKL-HORKE, 1992, S.111).
In den 50er und 60er Jahren dieses Jahrhunderts kam es zu einer breiten Auseinandersetzung über die Wissenschaftsauffassung der Soziologie, die als "Positivismusstreit" in die Geschichte der Soziologie einging. Auf der einen Seite standen dabei die Vertreter einer empirisch-analytisch Wissenschaftsauffassung im Sinn des kritischen Rationalismus von Karl POPPER, während auf der anderen Seite Theodor W. ADORNO und Jürgen HABERMAS auf Seiten der "kritischen Theorie", die eine eher hermeneutische Position vertritt (vgl. MIKL-HORKE, 1992, 267ff).
Ziele und Aufgaben der Geschichtswissenschaft werden in der Literatur keineswegs einheitlich gesehen. Während viele Historiker der Meinung sind, daß es alleinige Aufgabe der Geschichte ist, Vergangenes in möglichst umfassender Form darzustellen, sind andere Historiker der Meinung, daß sich die Geschichte stärker an den Naturwissenschaften orientieren sollte und sich nicht mit der Darstellung von Einzelphänomenen begnügen sollte, sondern sich verstärkt der Theoriebildung und -überprüfung widmen sollte. Die längste Zeit galt der erste Ansatz als das einzige Ziel der Geschichtswissenschaften. Begründet wurden dieser Ansatz im 18. Jahrhundert, als die deutschen Professoren (insbesondere in Göttingen), begannen die bis dahin methodologisch unabhängige Historiograhie durch eine kritische Erforschung der Quellen und durch die deskriptive Rekonstruktion der zeitlichen Abfolge von Ereignissen zu ersetzen (vgl. WENTURIS et al., 1992, 220) Gleichzeitig wurde durch die Gründung von Lehrstühlen für Geschichtswissenschaft die Entstehung der historischen Hilfswissenschaften vorangetrieben.
Durch die Anwendung der Quellenkritik und Quelleninterpretation auf historische Tatbestände entstand eine neue wissenschaftstheoretische Schule, die die menschliche Geschichte als etwas Besonderes im Vergleich zu den Naturprozessen auffaßt. Aus dieser Auffassung ging in weiterer Folge die sogenannte "Berliner Schule" mit dessen Hauptvertreter RANKE hervor. Die Berliner Schule vertrat eine strenge Unterscheidung zwischen Geschichte und Naturwissenschaften: "...während die Naturwissenschaften eine kausale Erklärung sich wiederholender Phänomene untersuchen, hat die Geschichtswissenschaft zum Ziel, das Unendliche in jeder Existenz, d.h. die einmaligen und unwiederholbaren Ereignisse, zu erfassen" (WENTURIS et al., 1992, 222). Nach dieser Ansicht kann es also erst dann ein historisches wissenschaftliches Wissen geben, wenn es gelingt, die Motive und Absichten der historischen Träger, wie sie in den historischen Quellen erscheinen, zu begreifen. Als einzige Form der historischen Darstellung kommt daher die Erzählung in Frage, eine methodologische Auffassung also, die zur Entstehung und Verbreitung der Hermeneutik beigetragen hat (vgl. ebenda).
In der neueren wissenschaftstheoretischen Diskussion häufte sich jedoch die Kritik an diesem Ansatz (vgl. ebenda). Insbesondere Vertreter des kritischen Rationalismus bescheinigen dieser Vorgangsweise wenig wissenschaftlichen Charakter und weisen immer wieder auf den Mangel an theoretischer Begründung ihrer Ergebnisse hin (vgl. DREITZEL, 1972, 42). Sie fordern die Übernahme des nomologisch-deduktiven Wissenschaftsparadigmas des kritischen Rationalismus auch für den Bereich der Geschichtswissenschaften. Diese wissenschaftstheoretische Diskussion über die methodologische Basis der Geschichte führte letztlich zur Herausbildung von zwei wesentlichen Strömungen (vgl. WENTURIS et al., 1992, 223):
Die Vertreter der neoidiographischen Richtung lehnen den nomologisch-deduktiv orientierten Ansatz mit folgender Begründung ab (vgl. WENTURIS et al., 1992, 223f):
Anhänger einer nomologisch orientierten Auffassung der Geschichtswissenschaften versuchen die Geschichte als historische Sozialwissenschaft darzustellen. Sie lehnen die neoidiographischen Ansätze vor allem aufgrund mangelnder theoretischer Begründung ab.
Faßt man die wesentlichen Erkenntnisse der letzten Kapitel zusammen, so lassen sich folgende Schlußfolgerungen ableiten:
Allerdings wurden die vorherrschenden wissenschaftstheoretischen Grundpositionen, sowohl in der Geschichte als auch in der Soziologie, einer intensiven Diskussion unterzogen. Verschiedene Autoren haben auf beiden Seiten zu einer teilweisen Abkehr von den ursprünglich dominierenden Forschungsparadigmen geführt, sodaß hinsichtlich der Methodolgie eine Aufweichung der ursprünglichen Positionen zu beobachten ist. Die vom englischen Soziologen MacRAE mit grimmigen Humor skizzierte Situation: "Sociology is history with the hard work left out; history is sociology with the brains left out" (MacRAE, zitiert in: DREITZEL, 1972, 40) trifft also Großteils nicht mehr zu. Dies wird auch durch verschiedene neuere Entwicklungen sowohl in der Geschichte als auch in der Soziologie bestätigt. Als Beispiele können dafür der Trend zur Quantifizierung in der Geschichte oder die zunehmende Bedeutung der Alltagssoziologie im Bereich der Soziologie genannt werden.