Die Berggebiete Österreichs, aber auch ganz Europas, gehören zu den wirtschaftlich ärmsten und am wenigsten entwickelten Gebieten. Eine grundlegende Lösung der seit Jahrzehnten wachsenden Probleme wird sich nicht allein auf die nationale Ebene beschränken können. Deshalb wird die These vertreten, daß nur durch eine internationale Zusammenarbeit, einen regen Erfahrungs- und Informationsaustausch eine wirkungsvolle und langfristige Lösung des derzeitigen Dilemmas vieler Bergregionen und der ansässigen Berglandwirtschaft zu erreichen ist.
Vom 4. bis 6. September dieses Jahres wurde in Krakau, Polen, die internationale Studienkonferenz "Europäische Berggebiete - neue Zusammenarbeit für eine nachhaltige Entwicklung" der EUROMONTANA abgehalten, die den derzeitigen Status quo und die zukünftigen Entwicklungschancen der am meisten benachteiligten Gebiete Europas zum Gegenstand hatte. (Die EUROMONTANA ist eine Vereinigung der Bergregionen Europas, deren Ziele in der Förderung und Entwicklung der europäischen Bergregionen gesehen werden können.) Auf welch großes Interesse diese Konferenz traf - über 200 Teilnehmer aus 17 europäischen Ländern und aus Japan beteiligten sich daran - zeigt, wie problematisch sich die derzeitige Situation der Bergregionen und insbesonders der Berglandwirtschaft darstellt.
Den Referenten aus Polen, Österreich, Tschechien, Italien, Frankreich, Großbritannien, Schottland, Slowenien, Japan und Rumänien war es vor allem daran gelegen, die Situation der Berggebiete ihres jeweiligen Landes darzustellen und Lösungsvorschläge, wie sie zum Teil bereits praktiziert werden, zu präsentieren. Dabei wurde auf wirtschaftliche Probleme ebenso eingegangen, wie auch auf ökologische und soziale. Als gemeinsamer Nenner kann dabei die Tatsache gewertet werden, daß die Bergregionen in den jeweiligen Ländern stets zu den ärmsten Regionen zu zählen sind, wobei natürlich unterschiedliche Ausprägungen berücksichtigt werden müssen. So ist ein ganz unterschiedliches Maß der Förderungswürdigkeit der nationalen Berglandwirtschaft festzustellen.
Damit die Situation in den verschiedenen Ländern verdeutlicht werden kann, sollen aus der Unzahl an Referaten drei sehr unterschiedliche Bergregionen herangezogen werden, um die Vielgestaltigkeit der Problemstruktur in den nationalen Berggebieten anschaulich zu machen, aber auch, um die Gemeinsamkeiten, die grenzübergreifend vorhanden sind und so zum kollektiven Suchen nach Lösungen animieren, aufzuzeigen.
Die Bergregionen Polens erstrecken sich auf rund 25 Tausend Quadratkilometer und sind in drei geographischen Gebiete eingeteilt, den Karpaten (17,5 Tausend km2), den Sudeten (5 Tausend km2) und dem Gebirge Góry Swietokrzyskie (2,5 Tausend km2). Die Höhenunterschiede reichen von rund 2500 m ü.d.M. (Karpaten) bis kaum über 600 m ü.d.M. (Góry Swietokrzyskie). Dies spiegelt sich auch in der Nutzungsstruktur wieder. Während in den Karpaten 61,1% der Fläche sich auf bis zu 500 m befinden und von dieser 66% als Ackerland zu bezeichnen ist, erhöht sich dieser Prozentsatz in den Sudeten auf 82,5 bzw. 74%. Dadurch ändern sich natürlich auch die klimatischen Bedingungen in den einzelnen Bergregionen: für die Karpaten wurde errechnet, daß sich die Temperatur pro 100 m Höhenunterschied um 0,55 °C verringert, die Niederschläge um 30-50 mm steigen und sich die Vegetationsdauer um 8 Tage verkürzt. Das hat elementare Auswirkung für die Landwirtschaft: Je höher ein Hof gelegen ist, desto unwirtschaftlicher wird damit auch seine Bewirtschaftung.
Zu den größten Problemen der polnischen Bergregionen zählen vor allem ökologische und wirtschaftlich/soziale Faktoren. Einerseits liegen die größten Industriegebiete Polens in unmittelbarer Nähe der Gebirgszüge (Schlesien - Krakau), darüber hinaus werden diese Gebiete durch Industriezentren auf deutschem und tschechischen Boden in Mitleidenschaft gezogen. Dabei muß berücksichtigt werden, daß während der sozialistischen Ära kaum Rücksicht auf ökologische Probleme genommen wurde und mit diesen Altlasten hat Polen noch immer zu kämpfen. Eine Umstellung der Industrie auf westliche Standards wird erst in Jahrzehnten vollzogen sein. Bezüglich der wirtschaftlich/sozialen Struktur der Berglandwirtschaft Polens muß festgehalten werden, daß historisch bedingt vor der Wende von staatlicher Seite kaum Interesse daran bestand, die benachteiligte Berglandwirtschaft besonders zu fördern. Es darf nicht vergessen werden, daß sich beispielsweise in den Karpaten 91% der Betriebe in privater Hand befinden und nur geringe 7% vom Staat und 2% in Form von Genossenschaften bewirtschaftet werden (vergleichbare Zahlen für die Sudeten: 63, 29, 8%). Darüber hinaus ist die polnische Berglandwirtschaft gekennzeichnet durch kleine Fläche, Verstreuung der Grundstücke und daraus resultierend hochgradiger Unrentabilität der Bewirtschaftung.
Durch die schwache Besiedelung und die erwähnte Unrentabilität fällt es deshalb auch schwer, die Privatisierung, die derzeit die gesamte polnische Landwirtschaft betrifft, in den Bergregionen voranzutreiben. Eine Begünstigung betroffener Regionen wurde mit dem Gesetz Nr. 4 des Ministerialrates vom 21. Jänner 1985 (Dotationen für Kuhmilch [30%], Lebendvieh [Rinder und Kälber - 20%] und Schafwolle [10%] in besonders benachteiligten Berggebieten) erreicht, jedoch war dieses Gesetz nur bis 1989 in Kraft. Seither gibt es für die polnische Berglandwirtschaft (was im übrigen für die gesamte Landwirtschaft Polens zutrifft) keinerlei Vergünstigungen mehr.
Die Gebirge, die sich entlang der Küsten des Mittelmeeres ziehen, bilden eines der kennzeichnenden Elemente aller europäischen Mittelmeerländer, von Spanien bis Griechenland (und darüber hinaus: diese Betrachtung betrifft das gesamte Mittelmeerbecken und in gewisser Weise auch Portugal, das bekanntlich keinen unmittelbaren Mittelmeerzugang hat). Weite Teile dieses Gebirgsstreifens sind als hochalpin zu bezeichnen mit Höhen von annähernd 3500 m ü.d.M., durch das günstigere mediterane Klima (im Vergleich zu nördlicheren Ländern) verschiebt sich die Anbaugrenze aber deutlich nach oben. Getreide wird in Griechenland bis zu 1500 m, Wein in der Sierra Nevada bis 1200 m und Gerste in den Apenninen sogar in der Höhe von 1700 m angebaut.
Als ein bestimmendes Kennzeichen, das allen europäischen Mittelmeerbergregionen gemeinsam ist, kann die Tatsache angesehen werden, daß der Großteil dieser Gebiete zu den ärmsten der Europäischen Union zählen. In Anlehnung an Statistiken der EU aus dem Jahre 1994, bei denen 179 Regionen einem Ranking unterzogen wurden, befinden sich diese Regionen stets am Ende des Verzeichnisses (Kriterium BSP/Einwohner 1989-90):
Sämtliche Regionen Portugals, außer dem Gebiet von Lissabon (134. Ziff.), wurden zwischen dem 168. (Norte) und 176. Platz, alle in Griechenland außer dem Gebiet um Athen zwischen dem 166. und 174. Platz klassifiziert. Unter den Gebieten in Spanien liegt die Region von Valenz auf dem 135., Kastilien-La Mancha auf dem 149., Murcia auf dem 147., Andalusien auf dem 153. und Estremadura auf dem 160. Platz. Sämtliche Regionen von Süditalien sowie Sardinien sind zwischen dem 139. und 152. Platz klassifiziert.
Mit einem Durchschnittseinkommen, das zwischen rund 40% und 76% des Durchschnittswertes aller Länder der Europäischen Union liegt, sind fast 1/4 der ärmsten Regionen der EU in diesen vier Ländern gelegene Gebirgsregionen. Nur in den Gebieten, die sich in einem Bogen von Barcelona bis Rom erstrecken, erreicht das Volkseinkommen annähernd das Durchschnittseinkommen der EU. Letzteres läßt sich durch gut entwickelte Wirtschaftszweige erklären (Handel, Industrie und vor allem auch Tourismus). Eine Angleichung der Volkseinkommen erfolgte auch nicht durch die Definition von Zielgebieten. In Ziel-1-Gebieten dieser Regionen erhöhte sich das Volkseinkommen nur von 61 auf 64 (im Vergleich zum europäischen Durchschnitt, 1986-1991), in 5b-Gebieten gab diese Kennzahl gar um 1 Punkt nach (von 84 auf 83, gleicher Zeitraum).
Verschiedene Charakteristika können in diesem Zusammenhang genannt werden, die diesen Bergregionen des Mittelmeerbeckens (gemeint sind jene mit dem geringsten Volkseinkommen) gemeinsam sind und für die negative Entwicklung verantwortlich zeichnen:
Die Landwirtschaft, traditionell von gewichtiger Bedeutung, kann aufgrund ungünstiger Produktionsbedingungen kaum mit den landwirtschaftlichen Produktionsstätten der Flachländer konkurrieren und wird weiterhin an Bedeutung verlieren. Die Abwanderung aus den betroffenen Berggebieten tut ein übriges. Der Bergbau, in früheren Jahren ein wesentlicher Arbeitgeber in Bergregionen, wird aufgrund mangelnder Konkurrenzfähigkeit, zu hohen Lohnkosten und sinkenden Weltmarktpreisen weiter zurückgedrängt. Durch die Verdrängung traditionellen Handwerks und Kleinunternehmen aufgrund der Marktverhältnisse verlieren diese Regionen noch mehr Arbeitsmöglichkeiten und Attraktivität. Auch der Tourismus ist für die wenigsten Gebiete eine wirkliche Alternative, tatsächlich muß festgehalten werden, daß dieser Wirtschaftszweig nur in einigen wenigen Regionen Frankreichs und Italiens eine wichtige Einkommensquelle darstellt.
Um zu zeigen, daß die dargestellten Probleme kein alleiniges europäisches Spezifikum sind, soll abschließend kurz auf die Bergregionen Japans eingegangen werden. Hierbei zeigt sich, daß die Probleme Japans in diesem Zusammenhang ganz ähnlicher Natur sind, wie die Europas, mit dem Unterschied, daß einige Probleme bereits früher als in Europa auftraten.
Von den insgesamt 378 Tausend km2 Japans sind per Definition rund 274 Tausend km2 als Bergregionen zu bezeichnen (also mehr als 72%), wobei jedoch nur rund 45% über 300 m (ca. 105 Tausend km2) und nur 7,6% (28.620 km2) in einer Höhe über 1000 m liegen. Per Gesetz wurde 1990 ein Gebiet von 180 Tausend km2 als Abwanderunsgebiet (KASO) definiert (rund 48% des Staatsgebietes), auf dem mehr als 1/3 aller Lokalverwaltungen liegen (exakt 37,7%) jedoch nur 6,5% (8 Millionen) der Menschen leben. Die Probleme dieser Abwanderungsgebiete wurden vom japanischen Referenten wie folgt beschrieben:
Ausgelöst wurde diese negative Entwicklung Mitte der 60er-Jahre im Zuge der stürmischen Industrialisierung Japans. Obwohl die dargestellte Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen ist, konnten im Zuge der Entwicklungsbemühungen doch einige Erfolge erzielt werden. Vor allem wird versucht, den KASO-Gebieten durch lokale Selbstverwaltung eine Identität und ein lokales Selbstverständnis zurückzugeben. Dazu gehört natürlich auch, eine wirtschaftliche Basis zu schaffen, die es der ansässigen Bevölkerung gestattet, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen (sehr erfolgreich waren Weinbauprojekte, aber auch Projekte in der Computertechnologie - Schlagwort "ein Ort ein Produkt"). Darüber hinaus wird versucht, eine Partnerschaft bzw. eine Vernetzung zwischen Großstädten und ländlichen Ortschaften zu erreichen.
| 25.000 km² | Karpaten u. Sudeten:
49% Ackerland 39% Wälder 12% sonstige | 600-2.500 m | |
| 560.000 km² | 270.000 km² Ackerland
2.200 km² Bauernhöfe | Ackerbau bis 1.700 m (Apeninen) | |
| 274.000 km²
davon 48% als KASO-Gebiete eingestuft | 269.000 km² Wald u. Ackerland | 45% über 300 m
28% über 500 m 7,6% über 1000 m |
Quelle: Tagungsunterlagen Euromontana Konferenz, 4.-6. Sept. 1995, Krakau (Polen)
Die dargestellten Fallbeispiele zeigen, daß es den Bergregionen und insbesonders der Berglandwirtschaft überall in der westlichen Welt schlecht geht. Die Symptome sind überall dieselben: schlechte wirtschaftliche Infrastruktur, Abwanderung der Jugend in Industriezentren, Verlust an Identität, aber zum Teil auch gravierende Umweltprobleme und eine allgemeine Perspektivlosigkeit. Diesen negativen Tendenzen zu begegnen ist sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene eine Herausforderung aber auch eine Chance für die Zukunft. So steht auch im Schlußdokument der EUROMONTANA-Konferenz ("Die Berggebiete - Die Zukunft Europas"), das sich als "Aufruf an die europäischen Regionen, Regierungen und Institutionen" versteht, zu lesen: "Die Bergregionen Europas sind ein Erbe unseres Kontinentes, das nicht ohne Schaden für die Gesellschaft und für Europa riskiert werden kann. Diese Gebiete sind reich aber sehr verletzlich. Das ist ihre Eigenart." Diese Eigenart zu erhalten muß ein Anliegen aller europäischen Staaten sein (also auch der europäischen Flachländer), nicht nur jener, die unmittelbar mit den Problemen der Bergregionen betroffen sind. Patentrezepte zur Umkehrung der angesprochenen negativen Tendenzen kann es natürlich keine geben. Doch zeigte es sich bereits in der Vergangenheit, daß bei wirkungsvoller Zusammenarbeit aller Beteiligter über die Grenzen hinweg durchaus achtbare Erfolge zu erzielen sind (man denke nur an die Alpenkonvention). Diese internationale Kooperation sollte sich aber nicht auf die Europäische Union beschränken, auch die Länder Mittel- und Osteuropas, die ohnehin an einer Aufnahme in die EU großes Interesse haben, müssen miteinbezogen werden. Dem Gesagten wurde im Schlußdokument der EUROMONTANA-Konferenz Rechnung getragen. Ein Auszug aus diesem soll das abschließend verdeutlichen:
Zurückkommend auf die eingangs erwähnte These bedeutet
das für Österreich, daß es seinen Beitrag leisten
kann und soll, um der gesamteuropäischen Berglandwirtschaft
wirkungsvoll zu helfen, daß es die Zusammenarbeit auf internationaler
Ebene und den notwendigen Informationsaustausch noch mehr verstärken
soll, um dadurch der eigenen Berglandwirtschaft die bestmögliche
Entwicklungsmöglichkeit zu garantieren und gleichzeitig mitzuhelfen,
das kulturelle Erbe der europäischen Bergregionen zu erhalten
und zu fördern. Oder wie es am Ende des Schlußdokumentes
formuliert wird: "Les montagnes sont un partimoine commun,
au-dela des frontieres nationales." (Die Berggebiete sind
ein gemeinsames Erbe, über die nationalen Grenzen hinweg.)