Bartussek


Die Bodenkultur - Journal for Land Management, Food and Environment

H. BARTUSSEK:

Theorie der Freilandhaltung von Nutztieren: Eine unbekannte Wissenschaft

Zusammenfassung

Freilandhaltung von Nutztieren findet in Wissenschaft, Beratung und beim Konsumenten zunehmend Beachtung und Interesse.

Freilandhaltung wird als ordnungsgemäße, tiergerechte Stallhaltung definiert, bei der die Tiere unbeschränkten oder zeitweise beschränkten Zugang zu einem ausreichend großen Auslauf auf bewachsenem Naturboden (oder Weide) haben. Durch diese Bestimmung unterscheidet sie sich grundlegend von der Gehegehaltung ohne Stall.

Freilandhaltung von Nutztieren wird vom Tierschutz als das non plus ultra einer artgerechten Haltung angesehen. Die Naturnähe einer solchen Haltung spricht auch viele Vertreter der ökologischen Landwirtschaft an. Hier geht man meist von der Hypothese aus, daß ein gleichsinniger Zusammenhang zwischen der angestrebten Nachhaltigkeit eines Bewirtschaftungssystems und dem Ausmaß seiner Naturnähe besteht. Freilandhaltung findet auch in der Praxis mehr und mehr Beachtung insbesondere für Mutterkühe, Mastrinder, Zuchtsauen und Hühner.

Die heute vorliegenden Ergebnisse der vergleichenden Nutztierethologie zeigen, daß durch Freilandhaltung zweifellos eine artgerechte Haltung verwirklicht werden kann. Freilandhaltung bedeutet jedoch auch Erhöhung der Bestandesdichte.

Hier erhebt sich die Frage nach der Funktionsfähigkeit natürlicher Regelkreise in einem intensivierten System, da ja Erhaltung der Funktion überall in der Natur an bestimmte Bandbreiten von Bedingungen nach Zahl und Zeit gebunden sind.

Es wird auf der Grundlage einer Literaturübersicht gezeigt, daß widersprüchliche Ergebnisse über die Auswirkungen der Auslauf- oder Freilandhaltung auf die Tiergesundheit und tierischen Leistungen vorliegen. Deshalb muß man von einer "unbekannten Wissenschaft" sprechen. Als Grundlage einer Theorie der Freilandhaltung wird auf die Bedeutung von Licht, Sonne, Frischluft und vielseitiger Organbeanspruchung besonders durch ausreichende Bewegung, eingegangen. Dem Management des Gesamtsystems und besonders auch der Freilandpflege kommt eine große hygienische Bedeutung zu. Erfolg oder völliges Scheitern sind hiervon primär abhängig. Es besteht diesbezüglich ein ähnlich großer Forschungs- und Entwicklungsbedarf wie z. B. vor 20 Jahren auf dem Gebiet der alternativen Stallhaltungssysteme. Erschwerend kommt hinzu, daß im Vergleich zur reinen Stallhaltung Freilandhaltungen ungleich komplexere Systeme sind. Auf das Problem der Besatzdichte der Freilandflächen im Hinblick auf das Erfordernis der Wasser- und Luftreinhaltung sowie der ökologischen Forderung nach einer möglichst effizienten Stickstoffnutzung im Kreislauf Boden-Pflanze-Tier-Boden wird exemplarisch hingewiesen.

Schlüsselworte: Freilandhaltung, Theorie, Gesundheits- und Umweltprobleme.