Embleton-Hamann


Die Bodenkultur - Journal for Land Management, Food and Environment

C. Embleton-Hamann, K. von Elverfeldt and M.Keiler:

Geomorphologie in Stichworten I. Theorie – Methoden – Endogene Prozesse und Formen

Hirt’s Stichwortbücher, Borntraeger, Stuttgart
7., neu bearbeitete Auflage 2013, 190 Seiten, 44 Abb.
ISBN 978-3-443-03121-3, EUR 19,90

Neugierig auf dieses Hirt’sche Stichwörterbuch macht schon ein erstes Blättern im Register wichtiger Sachbegriffe (= Stichwörter)! Unter „E“ tauchen die Epistemologie (Erkenntnistheorie) und dann das Epizentrum (senkrecht über dem Erdbebenherd an der Erdoberfläche liegender Punkt) auf. Unter „F“ steht falsifizierbar (widerlegbar), dann folgt sogleich Faltentektonik (Verbiegen von Gesteinen). Unter „K“ findet man Konstruktivismus (erkannte Gegenstände werden während der Betrachtung konstruiert), gefolgt vom Kontinentalabhang (Ozeanboden zwischen Schelfkante und Kontinentalfuß). Bei „L“ finden sich Logik (vernünftiges Schlussfolgern) und Lovewelle (schnellste Oberflächenwellen bei Erdbeben). „O“ wartet mit Oberplatte (obere Platte bei der Subduktion) und Objektivität (unabhängige Beschreibung oder Beurteilung) auf und schließlich „T“ mit Tafelberg (Berg mit weiter Gipfelebene) und Tatsache (wirklicher Sachverhalt)!
Da finden sich also Begriffe aus den Bereichen Erkenntnistheorie und Geowissenschaften, die im vorliegenden Buch vermutlich erstmals gemeinsam präsentiert werden. Im Angesicht dieser inhaltlichen Mixtur gehen die drei Autorinnen auch gleich auf der ersten Textseite mit der Präsentation eines Zitats von Rhoads hart mit ihrer eigenen Disziplin ins Gericht: „ Die mangelnde Auseinandersetzung mit Theorie hat die Geomorphologie in einen Zustand intellektueller Verwirrung gebracht und unterminiert die wissenschaftliche Legitimation der Disziplin.“
Das erste theoretische Kapitel enthält ein Feuerwerk an Hinweisen auf die wissenschaftliche Arbeit von Forschergrößen wie Büdel, Davis, Einstein, Lyell, Penck, Popper und vielen anderen. Leider sind die eben genannten Autoren nicht im Literaturverzeichnis zu finden. Schade, denn nicht nur für das Selbststudium von Studierenden und den akademischen Unterricht von Lehrenden – so wird die Zielgruppe dieses Buchs im Vorwort beschrieben – ist eine Auseinandersetzung mit Originaltexten wertvoll. Popper (1945) schreibt: „Aber obwohl der Beweis in den empirischen Wissenschaften nicht die geringste Rolle spielt, ist das Argument noch immer von großer Bedeutung.“ Und diese Argumente finden sich natürlich in der – sinnvollerweise auch im Lehrbuch zumindest an wichtigen Stellen – zitierten (Original-)Literatur. Umgekehrt sind die im vorliegenden Buch immer wieder erwähnten Beweise und Nachweise (S. 26, S. 99, S. 109 usw.) für die Geomorphologie als empirische Wissenschaft nutzlos. Bei einer Auseinandersetzung mit dem Popper’schen Werk wird klar, dass Beweise nur in der Logik und Mathematik sinnvoll eingesetzt werden können. Zitate fehlen im vorliegenden Buch über weite Strecken, sogar an Abbildungen und im Quellenverzeichnis kommen dann wenig nützliche Angaben wie „aus: Archiv Verlag Ferdinand Hirt“ vor. Da ist eine gründliche Modernisierung, Ergänzung und besonders auch Vereinheitlichung der Zitierweise durchwegs notwendig.
Auch was den fachlichen Hintergrund der Kapitel 2 (zu Methoden) und Kapitel 3 (zu Endogenen Prozessen) betrifft, fällt auf, dass kompetentes Gegenlesen vor Veröffentlichung der nächsten Auflage angeraten werden muss: So entsteht z.B. im Kapitel 2 auf Seite 52 der Eindruck, dass K/Ar-, Uranreihen-, 14C-Datierungen usw. genauso wie Dendrochronologie, Warvenchronologie und Eislagenzählungen eine jahrgenaue zeitliche Auflösung hätten. Im Kapitel 3 auf Seite 75 trägt Skandinavien vor 10.000 Jahren noch eine 2–2,5 km mächtige Eislast und auf S. 93 ist die tiefste europäische Bohrung mit 8.066 m angegeben. Die sogenannte Kontinentale Tiefbohrung (KTB) hat bereits Mitte der 1990er-Jahre eine Tiefe von 9.101 m erreicht.
Schon Anfang der 1980er-Jahre ist die Bohrung Zistersdorf ÜT2a (nördlich von Wien) auf 8553 m vorgedrungen. Beide Bohrungen waren Teil von sehr umfangreichen und ausführlich diskutierten geowissenschaftlichen Projekten.
Hinweise auf diese „Meilensteine“ dürften eigentlich nicht fehlen. Überarbeitet gehört auch, dass Charles Lyell von 1797 bis 1975 (S. 21) gelebt hat (vielleicht wäre es insgesamt hilfreicher anstatt Lebenszeiträumen Publikationszitate zu nennen) oder die folgende Aussage „Ein Großteil unseres Wissens über das Erdinnere stammt von den Seismologen“ (S. 76). Nachdem die Autorinnen im Vorwort ausdrücklich nicht verhehlen, dass sie zu Recht auf das erste ausschließlich von Frauen konzipierte Geomorphologie-Lehrbuch stolz sind, hätten sie auch Inge Lehmann als überaus bedeutende Seismologin in Zusammenhang mit der Erforschung des Erdinneren würdigen können und nicht unter dem generellen Maskulinum im Text subsummieren dürfen. Nach meiner Ansicht schießt auch folgender Abschnitt (S. 11) völlig über den Rahmen einer verständlichen Mitteilung hinaus: „Beispiel Düne: Keine starre Struktur aus gleich bleibendem Material, sondern unterliegt ständigem Material- und Energiedurchfluss, nur die raumzeitliche Organisation der Prozesse, die die spezifische Struktur bilden, ist (temporär) stabil.“
Aber genug des Mäkelns. Das neue Buch der drei Geomorphologinnen enthält viele geowissenschaftliche und erkenntnistheoretische Informationen zu Themen von Abduktion (kreatives Schließen) bis Wilson-Zyklus
(fortwährende Bildung und Zerbrechen von Superkontinenten) und kann damit sicher zahlreiche Leserinnen und Leser verwundern, aber auch begeistern.
Es sei auch ausdrücklich dazu ermuntert, diese ungewöhnliche Zusammenstellung von Erkenntnistheorie, Methoden der Geomorphologie, Endogenen Prozessen in der Erde und Formen der Erdoberfläche sowie Vulkanismus weiter zu verbessern und in einer späteren Auflage erneut dem kritischen Selbststudium der Leserinnen und Leser zugänglich zu machen. Nur durch die Bereitschaft, Fehler zu erkennen, anzusprechen und zu verbessern, kommen wir dem im Buch erwähnten „Allwissen“ (S. 12) gemeinsam etwas näher und sehen vielleicht sogar eines Tages die Zusammenhänge zwischen Erkenntnistheorie und unseren empirischen Fachdisziplinen deutlicher und weniger verwirrt.
Ich freue mich darauf und danke den Autorinnen für ihren Versuch in diese Richtung.

Markus C. Fiebig, Wien